Vor dem Hamburger Hauptbahnhof steht ein heruntergekommener alter Mann, offensichtlich mehr als nur ein wenig betrunken. Stämmiger Körperbau, weißlockiger Vollbart, lumpige Kleidung. Er hat eine schmuddelige Weihnachtsmannmütze sehr schief auf dem Kopf, lehnt an einem der Pfeiler des Vordachs und schwankt trotz des stabilen Halts hin und her. Sein linker Arm hängt wie leblos herab, der rechte Arm ist erhoben. Der ausgestreckte Zeigefinger wedelt scheinbar ziellos vor dem schier unendlichen Menschenstrom herum, der an ihm vorbei zu den Zügen zieht. Seine glasigen Augen sind halb geschlossen und schielen nicht unerheblich, aber ab und zu reißt er sie plötzlich weit auf, fokussiert angestrengt jemanden und stößt mit dem Finger heftig gestikulierend in Richtung eines Passanten. Er richtet sich auf, drückt die Brust raus und stellt sich tänzelnd wie ein Boxer auf die Zehenspitzen. „DU“, brüllt er in wütender Erregung, „DU DA!“ Er wird ganz rot im Gesicht, so laut brüllt er. Er ballt die Fäuste und legt seine ganze Kraft in den gellenden Ausruf: „DU DA! DU KRIEGST DIESMAL NICHTS ZU WEIHNACHTEN!“ Und wenn der angesprochene Mensch kurz irritiert innehält und sich fragend nach ihm umsieht, dann zischt er noch ein verächtliches „Ja, Du! Du hast mich schon verstanden!“ hinterher, bevor er wieder in sich zusammensackt und unverständlich leise vor sich hin in den Bart brabbelt. Vor seinen Füßen stehen etliche leere Bierflaschen und Flachmänner.

Einige Passanten bleiben stehen und sehen ihm eine Weile amüsiert oder entsetzt zu. Wahrscheinlich treibt sie gleiche Frage um, die auch mich nicht mehr loslässt: Können wir wirklich sicher sein, dass dies nicht der echte Weihnachtsmann ist? Und ist man eigentlich sicher, wenn man sich hinter ihm zu seiner S-Bahn schleicht?

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