(Ich war gestern in der Hamburger Innenstadt, weil die Jungs natürlich einmal auf die Weihnachtsmärkte wollten. Mit mir waren da etwa 2 Millionen anderer Leute, und da weiß man dann doch wieder sehr genau, warum man nicht so gerne in die Innenstadt geht, zumindest nicht an den Tagen, an denen die Geschäfte aufhaben. Wenn die Geschäfte nicht aufhaben, will mir allerdings auch kein Grund einfallen, mich da herumzutreiben, aber egal. Nach solchen Besuchen habe ich dann plötzlich doch Lust, am Meer zu sein, oder wenigstens in Nordfriesland oder Angeln, irgendwo, wo man auf einem hundert Meter langen Weg nicht tausend Menschen trifft. Oder auf einem Boot irgendwo auf dem Meer, wo man ringsum nichts als Sicht hat, aber keine glühweintrunkenen Tagestouristen. Ein Freund von mir, der Helgoländer Hotelier Detlev Rickmers hat mir am Abend einen Text vorgelesen, mit dem man ein paar Minuten herauskommt aus der Stadt, den habe ich gleich für dieses Blog gekapert. Der Mann ist ein Neffe von James Krüss, das sagt dem einen oder anderen sicher noch etwas, und so etwas wie Schreiben liegt dann vielleicht doch in Familien.) 

Stille. Eine fast schon unheimlich wirkende, absolute Stille. Die Welt ist grau. Eine Sinfonie in grau. Die Oberfläche changiert in dunklen Variationen, die durch die trägen, ölig wirkenden Bewegungen des Wassers verändert werden.

Der Rest des Universums besteht aus gräulichen Schwaden, die mal heller mal dunkler, ihre Form ständig verändernd dahintreiben. In den sich so ergebenden, wabernden Tunneln und Figuren kann man wiedergängige Piraten ebenso wie heilige Engel entdecken.

Der nächste Tag. Die Welt auf 54 Grad 16 Minuten Nord und 7 Grad 48 Minuten Ost ist unverändert. Nur wenn man direkt zum Himmel blickt fällt die größere Helligkeit auf. Die Nebelschwaden erzählen dem Betrachter immer noch heilige oder schaurige Geschichten, die aber zunehmend schneller werden und mehr Durchblick gewähren.

Am späten Nachmittag eine Revolution. Für einen kurzen Moment hört man Wasser plätschern, so als ob jemand mit einer Gummiente in seiner Badewanne spielt. Aber es fügt der Welt hier eine völlig neue Dimension hinzu.

Vier Tage später. Ein Dezembertag auf 54 Grad 16 Minuten Nord und 7 Grad 48 Minuten Ost. Auf den Rückseiten der blaugrünen, langsam wandernden Wellen spiegeln sich die Sonnenstrahlen um sich dann in einem fließenden Sternenteppich aufzulösen, wie bei einem Paillettenkleid im Scheinwerferlicht. Hier und da ergänzen vereinzelte weiße Kreusel das Bild. Ein 360 Grad Panorama mit Sichten bis zum Anschlag. Unterbrochen nur im Südosten, vom verschwommenen Klecks des roten Felsens in der Ferne, bevor sich in etwa zehn Meilen Distanz die Welt hinter ihrer eigenen Krümmung versteckt. In etlichen hunderten Metern Höhe schweben kleine freundlich- gelbe Kumuluswolken, vom Wind leicht geschoben. Kein trübes Wässerchen. Meilenweit nur Heiterkeit. Viele Kilometer darüber künden zerfaserte, zerrissene Cirren von der drohenden Änderung.

Es ist der dritte Advent auf 54 Grad 16 Minuten Nord und 7 Grad 48 Minuten Ost. Schnelle Luft. Heute steckt allein in diesem Fleck ein Vielfaches der Kraft des stärksten gebauten Autos. Es ist unmöglich die Welt in Meer und Himmel zu unterteilen. Über den mit Schnellzuggeschwindigkeit vorbeirasenden Wellenbergen liegt ein permanenter weißer Nebel hochgewehter Gischt, der sich übergangslos mit den schweren, manchmal fast waagerecht fliegenden Regenschauern mischt. Von den Rücken und Kämmen der mehr als zehn Meter hohen Wellen werden ständig neue Gischtstreifen in peitschenden Wirbeln hochgerissen.

Wind und Wolken, Wasser und Wellen, die ganze Welt vibriert vor Energie. Nur in den tiefen Wellentälern herrscht fast Windstille  und relative Ruhe. Regelmäßig brechen sich die Wellenkämme,  was man aber in der Kakophonie aus weiß in weiß selbst dann nicht sehen könnte, wenn es gelänge in diesem Chaos aus fliegendem Wasser die Augen aufzuhalten. Man könnte es nur hören. Es ist so, als ob man an der Bahnsteigkante steht und einen Schnellzug mit höchster Geschwindigkeit auf sich zukommen und vorbeidonnern hört. Hier und jetzt wüsste man allerdings nicht, ob man neben, oder auf dem Gleis stünde.

Wären Sie jetzt hier, es würden sich die Seemänner von den Matrosen scheiden.

In all dem Wirbel der Elemente fällt die hereinbrechende Dämmerung kaum auf. Nur die Kakophonie in weiß wandelt sich für eine knappe halbe Stunde zu einem Crescendo in Grau. Mit Pauken und Trompeten. Es wird Abend am dritten Advent. Noch 13 Tage bis Weihnachten. Die Welt hat sich noch nicht entschieden, ob es auf 54 Grad 16 Minuten Nord und 7 Grad 48 Minuten Ost eine stille Nacht, oder eine weiße Weihnacht geben wird.

(Detlev Rickmers, Dezember 2011)

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