Sohn I fragt, wo ich hingehen möchte, ich erkläre ihm, dass ich ins Theater gehe, zu einem Konzert von Esther Ofarim. Er fragt, wer das sei und ich zeige ihm alte Videos von ihr auf dem iPad. Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren, genauer gesagt vom zweiten Tag, an dem in Deutschland Farbfernsehen ausgestrahlt wurde, und wenn man das weiß, dann wirkt es gleich noch viel bunter, was die sehr junge Esther da als Kleid trägt. Sohn I wippt mit und nickt, die Musik gefällt ihm. „It’s the morning of my life“, wie passend für einen vierjährigen Jungen. Dann zeige ich einen Clip von heute, und die Frau, die da singt, ist immer noch schön, singt immer noch wie damals, ist aber viel älter und hat keinen Mann mehr dabei. Der Sohn fragt, wo denn der Mann sei, der Abi, weil der hat ihm auch gut gefallen, mit der Gitarre. Ich erkläre ihm, dass er Esther irgendwann nicht mehr gefallen hat, oder umgekehrt, was weiß ich, so etwas kommt eben vor, der Sohn kennt ja genug Beispiele im näheren Freundeskreis und in der Verwandtschaft. Ja, sagt er, das weiß er, aber gut ist das deswegen noch lange nicht. Und zusammen fand er die besser. Und er will jetzt lieber wieder die alten Sachen sehen. So.

20 Uhr im Sankt Pauli Theater auf der Reeperbahn. Das Licht geht aus und Esther Ofarim tritt in rauschendem Applaus auf, geht ans Mikro und sagt verlegen: „Ich komme, um zu singen.“ Das Publikum klatscht schon nach diesem Satz so, als müsse man sich die Zugaben jetzt schon hart erkämpfen und nach den ersten Klängen von „My Fishermann, my laddie-o“ hört man ein hundertfaches Seufzen im Saal.

Ich bin ein Kind aus den sechziger Jahren, es sind viele in meinem Alter da, noch mehr aber, die zur Generation meiner Eltern gehören. Menschen, die wie ich die Schallplatten von Esther Ofarim tausendfach gehört haben, Menschen, die mit ihrer Musik groß und alt geworden sind. Menschen, die hebräische Lieder mitsingen können, ohne ein Wort hebräisch zu sprechen, man hört es leise aus den Reihen, als Esther „Laila laila“ anstimmt. Das war auch auf der Platte, die in meiner Kindheit lief, und ich weiß heute noch jeden Ton, jede Silbe und jeden Kratzer. Das Publikum klatscht und klatscht nach jedem Song als könnte es ihr letzter sein. Esther hebt nach jedem Lied sachte die Schultern und schüttelt den Kopf, als wollte sie sagen: „besser kann ich es nun einmal nicht“, dabei ist hier jeder ganz sicher, dass sie eine der weltbesten Sängerinnen ist. Schüchtern wirkt sie, kleiner und schmaler denn je, vorsichtig tritt sie ins Rampenlicht, als wäre sie vielleicht gar nicht willkommen, dabei gibt es wohl wenig Künstlerinnen, denen so viel Liebe entgegengebracht wird. Alte Liebe, in Jahrzehnten gereift, in Sekunden neu entfacht, einfach durch den ersten Ton eines großen Liedes. Sie singt Stücke von Brecht und Leonard Cohen, von den Beatles, aus Musicals und hebräische Lieder. Den bittersten aller vorstellbaren Surabaya-Johnnys, das hoffnungsvollste „Somewhere over the rainbow“, das verständnisinnigste „Wednesday morning at five o’clock“. In den Zugaben auch das unverwüstliche „It’s the morning of my life“ und ganz zum Schluß Heine/Mendelssohn „Leise zieht durch mein Gemüt“ – und man möchte jeden Ton festhalten, damit es bloß nicht aufhört. Dann winkt sie im Gehen über die Schulter und ist weg. Die Menschen strömen hastig zu den Ausgängen, schnell in die Bahn, schnell nach Hause, die alten Platten auflegen. In Stimmen kann man zuhause sein.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie die Chance haben, eines ihrer wenigen Konzerte zu besuchen – gehen Sie bloß hin.

 

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