Da stehen Menschen an Bushaltestellen, die haben so viel Kleidung angezogen, dass die Figuren schon rundlich sind. Als ihre Großeltern damals übers Haff in den Westen gekommen sind, da hatten die auch nicht mehr angehabt. Alles was man hat! Bei den Temperaturen fällt die Wahl vor dem Kleiderschrank endlich wieder leicht. Minus 10, minus 15, das rechtfertigt noch den seltsamsten Look. Die Frauen tragen Hosen über Leggins über Strumpfhosen, die in dicken Wollsocken stecken, mit denen man in Stiefel schlüpft, die man früher nur nachts auf der Reeperbahn getragen hat. Alles egal! Hauptsache, nicht mehr frieren. Abends entblättern sich die Pärchen im Schlafzimmer, ein langwieriger Prozess, Stück um Stück fällt von den Körpern ab und dann zieht die Frau mit kritischem Blick die Augenbrauen zusammen: Der Kerl hat eine lange Unterhose an! Wie das aussieht! Sind wir modisch denn völlig verlottert? Ob er sich nicht schämt, mit den grauen Liebesstötern? Skiunterwäsche, murmelt der Mann entschuldigend und hämisch kichert die Frau, während sie ihre schwarze, dicke  Strumpfhose zusammenrollt, die immer gut aussieht, immer gut sitzt, immer attraktiv ist. Dem Mann schlabbert es baumwollig unschön um die Schenkel, er weiß es, er steht bedröppelt vor der auch im Winter so sehenswerten Gemahlin. Er zieht sich schnell aus und friert lieber. Die Frau liest ein Frauenmagazin, da steht drin, dass Männer in langen Unterhosen, also wirklich, grotesk. Sie nickt und zeigt den Artikel ihrem Mann. Der Mann seufzt und reibt die kalten Beine. Ach, wenn Haare wärmen würden!

Es ist wieder Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, Ladies. Es ist verdammt kalt draußen. Entweder ihr habt Männer in langen Unterhosen, oder ihr habt bald gar keine mehr. Augen zu und durch.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


 

%d Bloggern gefällt das: