Mit so Likör

In der S-Bahn sitzen mir zwei Jungs gegenüber, so um die sechzehn Jahre alt. Sie sind unterwegs zu irgendeiner Lehrveranstaltung und haben die letzte Stunde bei einem Herrn Hartmann, der seinen Job anscheinend nicht schlecht gemacht hat, denn die beiden kommen auf die Idee, ihm noch schnell auf dem Weg ein Geschenk zu kaufen.

„Ey, lass mal was Kleines für ihn kaufen, echt jetzt, Digger!“
„Ja, geht los, das ist voll gut. Was?“
„Ja, was Kleines eben. Blumen?“
„Blumen?! Blumen geht gar nicht. Krasse Idee, Digger. Blumen!“
„Ja, was dann?“
„Ja, was Kleines, Digger.“
„Klein wie Blumen, wa.“
„Hör auf, ey.“
„Schokolade.“
„Schokolade, ja, Schokolade. Schokolade geht. Mon Chérie!“
„Besser als Blumen, ne.“
„Kennstu Mon Chérie? Mit so Likör? Mit so Alkohol?“
„Krass. Das ist dann ja Schokolade und noch nützlich!“


Momentaufnahme

Die Kirsche blüht wieder auf dem Spielplatz, rosa leuchtet es vor dem strahlenden Blau des Frühlingshimmels. Vielleicht ist es aber auch gar keine Kirsche, vielleicht ist es Gott weiß was für ein Baum, ich kenne mich da wirklich überhaupt nicht aus, aber es klingt so gut, die Kirsche blüht, also ist es eben eine Kirsche. Man kann endlich wieder draußen sitzen, man muss gar nicht mehr frieren dabei. Man kann wieder Romane am Rand des Spielplatzes lesen, währen die Kinder irgendwo dahinten irgendwas machen. Es reicht vollkommen aus, alle paar Seiten oder am Ende des Kapitels mal hinzusehen, es ist alles sehr entspannt. Rings um den Spielplatz stehen die Raucher auf den Balkonen und haben keine hochgezogenen Schultern mehr, einige tragen sogar nur ein T-Shirt. Sie wippen vergnügt auf den Zehen und beugen sich immer wieder vor und sehen nach oben, als könnten sie es nicht fassen, diesen wolkenlosen Zustand über Hamburg.

Die Söhne sind überglücklich, dass sie wieder im Sand spielen können, ohne Jacke herumlaufen können, schaukeln können, Eis essen können. Die patrouillierenden Tauben im Sand freuen sich, dass nach langer winterlicher Hungerperiode endlich wieder mehr Kekskrümel und Eiswaffeln anfallen. Die Eltern der ganz neuen Babys freuen sich, dass die Schreie der Kleinen aus den fabrikfrischen Kinderwagen hier unter freiem Himmel viel leiser klingen, als vor ein paar Tagen noch im Wohnzimmer im dritten Stock. Ein herrlicher Tag, man könnte unentwegt vor sich hin grinsen. Die Eltern lehnen sich auf den Bänken zurück, und wenn Blicke sich treffen sagt man immer wieder „Schön, was?“ Ja, schön. Und wie.

Nur die eine Mutter, auf der Bank neben dem Sandkasten, die wirkt irgendwie sehr unentspannt. In der Art, wie sie die Seiten ihres Buches umblättert, liegt so etwas Ruppiges, und alle paar Minuten stößt sie die Luft scharf durch die Zähne, man hört sie zischen. Sie guckt zwischendurch immer wieder entnervt von der Lektüre hoch und nach ihren Kindern, die übrigens nichts tun, was zur Sorge Anlass geben könnte. Schließlich knallt die Frau das Buch auf Bank, dass es ein knallendes Geräusch gibt und ruft, den Blick nach oben ins phantastische Blau gerichtet: „Herr Gott, wann habe ich endlich dieses verdammte Scheißbuch durch!“

Ich gehe wie zufällig an ihrer Bank vorbei und werfe einen Blick auf den Buchtitel: „Kinder dürfen aggressiv sein“.

Aber sonst: alles sehr entspannt.


Gehört – Joseph Roth: Stationschef Fallmerayer

Gelesen von Dieter Mann. Ich kümmere mich eigentlich selten um Hörbücher, ich lese lieber in eigener Geschwindigkeit, etwas vorgelesen zu bekommen macht mich wahnsinnig. Ich lese gerne selber vor, aber passiv – schwierig, sehr schwierig. Wenn ich jedoch längere Zeit auf der Autobahn zubringe und die Kinder irgendwann eingeschlafen sind, dann lege ich gerne einen Klassiker ins CD-Fach. Irgendetwas mit gesetzter, vollendeter und eher langsamer Sprache, denn das fördert neben der Bildung auch eine sittliche Fahrweise. Joseph Roth, das kann ich gar nicht oft betonen, hat für mich das beste Deutsch des letzten Jahrhunderts geschrieben, und es lohnt sich sehr, seine Werke auch öfter zu lesen. Oder zu hören, na gut, meinetwegen. Von Dieter Mann sehr angenehm vorgelesen, gar keine Frage.

Der Stationschef Fallmerayer ist ein braver Bahnbeamter mit äußerst geregelter Lebensweise, dessen Weltordnung abrupt aufgebrochen wird, als er bei einem Bahnunglück einer betörenden russischen Gräfin begegnet, deren Erscheinungsbild, Duft, Sprache und Ausstrahlung ihn in vollkommen andere Sphären erhebt. Sein Leben gerät in der abenteuerlichsten Weise aus den Fugen, es zieht in mit aller Macht und gar nicht erfolglos zu der unfassbar schönen Frau. Man weiß, es kann nicht gut ausgehen, die Geschichte treibt erstens dem Krieg und Russland und zweitens einem bitteren Ende zu – und zwischendurch denke ich darüber nach, was Joseph Roth da über den Duft der Frau schreibt, die nämlich nach schweren Parfüm, soweit kann man ihm noch folgen, und auch nach Juchtenleder riecht. Juchtenleder. Ich weiß gar nicht, wie Juchtenleder riecht, denke ich, eigentlich weiß ich nicht einmal, was das ist. Das Wort kommt natürlich in der Literatur voriger Jahrhunderte oft vor, es ist eine gängige Chiffre in Duftbeschreibungen, und es ist eine, die ich gar nicht entziffern kann. Da gibt es noch andere, etwa der englischen Romanen verlässlich vorkommende Heliotrop, der an schwülen Sommertagen unweigerlich irgendwann aus Gärten duftet und meist auf die erotischen Höhepunkte der Bücher hinweist – keine Ahnung, wie Heliotrop riecht. Bei Fontane oder von Keyserling kommen auch dauernd irgendwelche Blühgewächse vor, die ich gar nicht zuordnen kann. Man liest so darüber hinweg.

Ich frage mich jetzt aber doch, wonach denn die wunderschöne Gräfin nun genau gerochen hat, es war klarerweise ein Duft des Wohlstandes, ein Luxushauch, soviel kann man dem Text entnehmen. Ich recherchiere nach der Autofahrt ein wenig, ich frage herum, ich stelle amüsiert fest, dass es so etwas wie eine Lederpedia gibt und liebe das Internet gleich noch ein wenig mehr. Und lese irgendwann, dass Juchtenleder traditionell mit Birkenteeröl bearbeitet wurde und wohl auch noch wird, und dass es dadurch nach geräuchertem Speck riecht. Und dass, dachte ich, ist doch auch für Sie ungemein nützlich zu wissen, wenn Sie wieder einmal ein Buch aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert lesen und eine schöne Frau mit dem Duft von Juchtenleder auftritt.

Gern geschehen.

Plötzlich Hunger auf englisches Frühstück. Nanu.


Heimlichkeiten

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung

Zweimal im Jahr fahren die Herzdame und ich zu den Großeltern im tiefsten Binnenland, parken die beiden kleinen Söhne dort und fahren dann klammheimlich alleine weiter, an die Ostsee, nach Kühlungsborn. In ein schickes Hotel, in dem es sehr wenig Kinder gibt, dafür aber sehr gutes Essen, gute Aussicht und vor allem Ruhe – viel, viel Ruhe. Wir sagen den Kindern nicht, wo wir hinfahren, die denken beide, wir würden nach Hause fahren. Denn so toll sie die Großeltern auch finden, wenn sie wüssten, dass wir an einen Strand fahren, an dem man auch prima herumbuddeln könnte, sie würden natürlich mitkommen wollen. Sie sind beide noch nicht in einem Alter, in dem sie Ruhebedarf bei Erwachsenen auch nur annähernd verstehen würden, das Alter erreicht man bekanntlich erst schlagartig bei der Geburt der eigenen Kinder.

Die Herzdame und ich haben nun lange diskutiert, wie schlecht es eigentlich von uns ist, den Söhnen unsere Kurzreise zu verheimlichen. Lügen wir sie nicht geradezu an? Darf man das denn überhaupt? Was sollen sie von uns denken, wenn sie es herausfinden? Und wie lange können wir das wohl noch so machen? Wir haben hin und her überlegt. Dann fiel mir die perfekte Lösung für das exakte Timing ein. Wir setzen das Szenario einfach so lange fort, bis die Kinder selbst zum ersten Mal heimlich an den Strand fahren und uns vormachen, sie wären etwa bei Freunden, um Mathe zu lernen. Das kann bei norddeutschen Kindern so lange nicht dauern, und wir werden dann sehr ernst so tun, als würden wir nichts merken. Und irgendwann, wenn sie wieder von einem dieser erschlichenen Ausflüge zurückkommen, werden wir sie freundlich empfangen, wissend den Sand aus ihren Schuhen schütteln und sagen: „Quitt.“

Fairness, so sagt man, ist in der Erziehung sehr wichtig. Daran wollen wir uns stets halten, haben wir beschlossen.

Irgendwas mit Medien

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich mich in der Zeit rückwärts wünsche, die Gegenwart mit all ihren Problemen ist mir immer noch lieber als etwa die Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, um einmal die weiteste Vergangenheit zu nehmen, an die ich überhaupt noch einen Funken Erinnerung habe. Aber manchmal gibt es doch Situationen, in denen ich mich gerne für einen Moment in einer Welt wiederfinden würde, in der manches noch viel einfacher war.

Etwa dann, wenn Sohn I wieder einmal nach den Berufen unserer Freunde fragt. Das klingt nämlich nur einfach, wenn man von einer vollkommen veralteten Weltlage ausgeht, in der alle Menschen noch Berufe hatten, die irgendwie einleuchtend klangen. Das erinnere ich noch so aus meiner Kindheit, da waren die Großen um mich herum Glaser oder Maurer, Maler oder Bankdirektor, Lehrer oder Hausfrau, das war alles recht einfach. Ich gehe im Geiste noch einmal die Erwachsenen durch, die damals Gast in unserem Haus waren – gar kein Problem. Da gab es natürlich auch Menschen, die bei Versicherungen arbeiteten, was mir nicht wirklich klar wurde, aber so ungefähr verstand ich es doch. Es war immerhin auf ein schlichtes Grundmodell der Geschäftsbeziehung herunterzubrechen, das war irgendwann doch begreifbar, wenn auch vielleicht noch nicht mit 4. Steuerberater, das war auch ein wenig kryptisch, aber auch das war irgendwann auflösbar. Ärzte, Kinderärzte, die machten damals alle noch Hausbesuche, Friseure, LKW-Fahrer, was alles so vorbeikam. Die Nachbarn machten Limonade in einer großen Abfüllanlage, andere deckten Häuser, betrieben Tankstellen, und die Eltern der Schulfreunde leiteten Autowerkstätten, bauten Häuser, hatten Schlachtereien – alles kein Problem.

Sohn I fragt nach der ersten Freundin von uns, die ihm einfällt, ich stöhne leise und sage nach längerem Nachdenken entschlossen: „Äh…“

Die Dame ist Strom-Brokerin. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich selbst, was sie da genau tut, ich schlage dem Sohn geschickt vor, erst einmal zu anderen Menschen überzugehen. Er fragt nach ein paar Leuten, und wie der Teufel es will, machen die alle „irgendwas mit Online“, irgendwas mit IT“ oder „irgendwas mit Medien“, was hab ich eigentlich für einen spinnerten Freundeskreis? Schlagartig werden mir die Handwerker in meinem Umfeld sympathischer als je zuvor, ich verweise mehrfach auf den Onkel, der Glaser ist – aber das Kind lenkt zielsicher zu den Problemberufen zurück. Er fragt nach einer seiner Patentanten, leider auch so ein schwerer Fall von „irgendwas mit Medien und Online“, es ist wirklich furchtbar. Er liebt seine Patentante sehr, was ich nachvollziehbar finde, aber über die Patentante von Sohn II würde ich jetzt doch deutlich lieber reden, die übersetzt nämlich Bücher und schreibt welche, das könnte ich vergleichsweise einfach erklären. Aber die interessiert ihn nicht. Was soll er mit der Patentante von Sohn II, wenn er doch eigene hat? Eben.

Ich habe dummerweise einen sehr langen Arbeitstag hinter mit, ich würde das Denken gerne für heute einstellen, aber da es dem Kind so wichtig ist, fange ich ganz vorne an und erkläre und erkläre und erkläre. Der Computer, das Internet, die Zeitungen, die Newsportale. Informationen, Artikel, Bilder, Werbung, die ganze bunte Welt der Onlinemedien, kindgerecht aufbereitet für Vierjährige, ich mache das im Grunde gar nicht schlecht, stelle ich überrascht fest, während ich mir selber zuhöre. Es perlt erstaunlich fachkundig aus mir heraus, auch wenn Sohn II dabei außerplanmäßig einschläft, aber egal , ein wenig Schwund ist immer. Sohn I jedenfalls hört mir geradezu gebannt zu, so ein aufmerksames Kind hat ja auch etwas sehr Motivierendes, da gibt man sich gerne ein wenig mehr Mühe, und wenn man noch so müde ist. Der Sohn fragt sogar nach, gar nicht dumm, was er da fragt, und ich erkläre immer weiter. Onlinevideos, Klickstrecken, Verlinkungen, Presseagenturen, Redaktionen, Newsrooms, noch ein paar Fragen von Sohn I und erkläre ihm die ganze Welt 2.0, gar kein Problem, inklusive aller relevanten Social Networks. Wenn man erst einmal in Fahrt ist, dann ist es leichter als gedacht. Zwischendurch mache ich eine kleine Kunstpause und frage nach, ob er auch alles verstanden habe, ob ihm denn jetzt auch klargeworden sei, was seine Patentante da so treibt? Ja, sagt der Sohn pikiert, völlig klar, und er sei ja nicht blöd. Er würde aber doch gerne noch wissen, ob sie für diesen Beruf eigentlich sehr oft Geld rauben müsse und ob das dann auf der Straße geschehe und in welchem Kostüm überhaupt?

Ich glaube, ich erkläre ihm das morgen besser noch einmal.