Die Schnullerfee gehört zu den eher seltsamen Gestalten in der modernen Mythenwelt der Kleinkinder. Man weiß nicht, wo sie wohnt, man weiß nicht, wie sie aussieht, man weiß auch nicht, was sie sonst so treibt, wenn sie nicht gerade ihrem Hauptberuf nachgeht. Eigentlich weiß man nicht einmal, ob sie fliegen kann, und verblüffender Weise scheint auch niemand Interesse daran zu haben, es herauszufinden. In einem seltsamen Fall von kollektiver Ignoranz nimmt man einfach hin, dass die Schnullerfee Kleinkindern, die auf ihren Schnuller zu verzichten beschließen, nachts ein Geschenk bringt und es unter dem Kopfkissen deponiert, wo das tapfere Kind es dann nach heikler erster Nacht ohne Nuckel am Morgen findet, augenblicklich getröstet ist und fortan glücklich als Nichtlutscher weiterleben kann. Zumindest bis es alt genug für die ersten Zigaretten ist. Es handelt sich um eine pädagogisch pappeinfache Maßnahme, denn Kinder zwischen zwei und drei Jahren haben natürlich immer große Wünsche, verstehen ansatzweise Verhandlungen und Deals und sind sehr, sehr leicht beeindruckbar. Wir haben bei Sohn I damals gemerkt, wie simpel das ist. Zwei Nächte etwas Trost und Zuspruch, zack, fertig. Gar kein großer Umstand.

Nur bei Zweitgeborenen scheint es ein kleines Problem zu geben. Denn natürlich haben die viel mehr Spielzeug zur Verfügung als es die Erstgeborenen jemals hatten, darunter auch viele spannende Sachen, die noch nicht ganz altersgemäß sind, also ganz besonders verlockend. Da muss man als Elternteil der Schnullerfee wohl etwas gründlicher zuarbeiten. Sohn II hat zwar das Wenn-Dann-Prinzip sehr wohl verstanden, aber es fehlt einfach der große Wunsch. Ich nehme ihn auf den Schoß, wir sehen uns einen dicken Spielzeugkatalog an und blättern von Playmobil über Duplo zu ferngesteuerten Autos und Holzeisenbahnen. Sohn II findet alles toll, will aber nichts davon wirklich dringend haben. Eigentlich großartig, so ein wunschloses Kind, aber in dieser Situation leider überhaupt nicht zielführend. Ich erzähle sicherheitshalber noch einmal von der Schnullerfee. Ich frage nach – doch ja, das Kind weiß durchaus, worum es geht. Er erzählt sogar, dass er Freunde im Kindergarten hat, bei denen die Schnullerfee schon war, er kennt sich wirklich gut aus. Und kann er sich denn selbst vorstellen, auf den Schnuller zu verzichten, wenn es dafür ein tolles Geschenk gibt? Begeistertes Nicken. Und was soll das Geschenk denn sein? Ratlose Blicke, zielloses Blättern im Katalog. Ich erkläre noch einmal, dass er sich wünschen kann, was immer er möchte und hoffe inständig, dass er keine Haustiere oder Geschwisterchen im Sinn hat. Sohn II denkt nach und denkt nach, und er tut das so heftig, dass man sich über Rauch aus seinen Ohren nicht wundern würde. Dann verkündet er nach langen, langen Minuten schließlich freudestrahlend, dass er einen Wunsch gefunden habe. Für die Schnullerfee. Und dass er gleich heute am Abend bereit sei, auf den Schnuller zu verzichten. Er wirft das Ding zur Verdeutlichung schon mal in hohem Bogen aus dem Zimmer. „Super“, sage ich, „das finde ich aber toll. Und was ist Dein Wunsch? Was soll die Schnullerfee Dir denn bringen?“ Sohn II sitzt und grinst, er scheint sich wirklich sehr über seine Idee zu freuen. „Was soll denn nun nach der ersten Nacht ohne Schnuller unter dem Kopfkissen liegen?“ Ich sehe ihn gespannt an.

„Ein neuer Schnuller“, sagt Sohn II feierlich und mit völlig berechtigtem Stolz, „mit einer Kette zum an mir festmachen.“


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