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Ich habe nach Tadellöser & Wolf, das ja sicher zum deutschen Allgemeingut gezählt werden kann, wie auch sein Nachfoger „Uns geht’s ja noch gold“, mit Begeisterung auch die restlichen Bände der deutschen Chronik von Kempowski gelesen, aus der wilhelminischen Zeit und den Jahren nach 45. Das fand ich alles sehr lesenswert, und ich habe mit einiger Bewunderung festgestellt, dass jeder Band einen ganz eigenen, sehr stimmigen Tonfall hat. Jedes Buch eine Welt für sich, auch im Stil. Zum Verständnis unserer Geschichte fraglos großartige Lektüre, große Romane sind es aber auch ganz ohne den belehrenden Effekt, über den man natürlich auch hinweglesen kann. Was vom Klappentext her zu sehr nach Belehrung aussieht, das will am Ende keiner mehr lesen, und das wäre wirklich schade. Die ganze Reihe ist es allemal wert, gelesen im Regal zu stehen.  Oder als Datei im Reader, schon klar.

Und nun also das Tagebuch aus dem Jahr 1990. Ein erschütterndes Tagebuch, denn es offenbart einen höchst seltsamen Charakter. Hier schreibt jemand, der maßlos und geradezu paranoid an mangelnder Anerkennung leidet, der aber andererseits mit allen Formen von Würdigung auch nicht umgehen kann. Unleidlich verbittert, wenn er nicht zur Kenntnis genommen wird, aber dann maßlos erschreckt, wenn zum Beispiel der Spiegel einen Vorabdruck will. Ständig witternd, dass man ihn schlecht behandelt, und sei es nur nicht höflich genug. Der es persönlich übel nimmt, wenn ihm das Essen im Restaurant nicht schmeckt, wenn er auf der Straße nicht erkannt wird, wenn jemand seine Werke nicht ekstatisch lobt. Sehr, sehr anstrengend, aber dennoch interessant.  Und verblüffend, wie jemand so scharfsichtig Romanfiguren gestalten kann und offensichtlich an der eigenen Person rein gar nichts merkt. So sind wir alle, keine Frage, aber wenn man es denn noch einmal liest, was man da verzapft hat – dann merkt man auch nichts? Ist das so? Das Tagebuch ist nicht aus dem Nachlass, das hat er bearbeitet, kein Satz darin ist ungewollt. Aber viele, viele Sätze sind verblüffend oder erschreckend. Ich fand es erschütternd.  Der Mann war ja zu dem Zeitpunkt nicht schlecht im Geschäft, seine Bücher liefen, durch die Filme kannte ihn jeder, aber er hat sich in aller Heftigkeit geradezu hysterisch nach mehr gesehnt. Mehr Bewunderung, mehr Anerkennung, mehr Ruhm. Und dieses Gieren verdirbt ihm unentwegt schier alles.

Für mich aber auch interessant, wie wenig ich noch aus dem so spannenden Jahr der Wiedervereinigung weiß. Ich war ja als denkender, erwachsener Mensch dabei, aber mit was für einem Desinteresse. Ich hatte keine Meinung zu dem Thema, ich fand es weder bewegend noch erfreulich oder abschreckend, mir konnte es einfach gestohlen bleiben. Wie wenig man das heute noch nachvollziehen kann, diese sehr westdeutsche Haltung. DDR war doof, uninteressant, langweilig. Deutschland als Ganzes suspekt, alles Nationale befremdlich, die Geschichte egal, die Zukunft erst recht. Ich war zu cool für alles. Auch das ist erschreckend bei der Lektüre des Tagebuchs.

Der Staatsakt der Wiedervereinigung ist en detail beschrieben – das sagte mir rein gar nichts, wahrscheinlich habe ich es damals nicht einmal im Fernsehen beobachtet.   Wie anders man heute damit umgehen würde. Ein vollkommen unwirkliches Stück Vergangenheit. Aber es passt zu dem seltsamen Detail aus meiner Jugend, dass mir die Jüngeren heute kaum noch glauben können – als die Grenze damals aufging, da hatte ich nicht die allerleiseste Ahnung, was eigentlich hinter Travemünde, hinter dem Zaun lag. Ich kannte keinen Dorfnamen, ich wusste nicht, wie die nächste Stadt hieß, ich wusste nur ganz ungefähr, wie die Küste da weiterging. Hinter der Grenze, da war gar nichts.  Dachte ich.

Kempowski kannte in Rostock noch jeden Ziegel. Und dass er als bekanntester Chronist der Stadt bei seinen ersten Reisen nach drüben nicht jubelnd empfangen wurde, dass er so überhaupt gar nicht interessiert hat – das zumindest kann man dann doch verstehen, wie das an ihm nagte.

„Hamit“ übrigens ist das Wort Heimat im Dialekt der Erzgebirgler.

 

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