Es gibt viele Methoden, vom Leben gedemütigt zu werden, eine der perfideren hält das Gesundheitssystem bereit. Denn auch in der Medizinbranche wird ausgebildet, zu einem nicht unerheblichen Teil sogar am lebenden Objekt.  Also zum Beispiel an mir.

Nachdem ich am Montag bereits von meiner Zahnärztin hören durfte, wie sie einer neuen Helferin zuraunte: „So sieht es übrigens aus, wenn man nicht wissen kann, ob es lange hält“, hatte ich an den folgenden Tagen gleich zweimal das besondere Glück, Physiotherapeuten mit Azubis zu haben. Physiotherapeuten, die sich um meine lädierten Schultergelenke kümmern sollen, weswegen ich vor ihnen auf einer Liege herumliege, während sie mit ihrem Azubi auf meinen Rücken starren und diesem erklären, was sie dort sehen. „Guck mal das da“, sagt der Physiotherapeut und zeigt auf mich, „das ist ja geradezu verkümmert. Also jedenfalls der Muskelstrang da.“ Der Azubi schüttelt den Kopf und murmelt „Mannmannmann“, womit er zufällig exakt das wiedergibt, was ich auch gerade denke. Dann greift der Experte in meine Muskeln, wühlt sich zu den Stellen, die auf besonders faszinierende Art schmerzen, um seinen äußerst unangenehm bohrenden Finger da so lange zu lassen, bis er den Finger des Azubis dort ebenfalls hingelenkt hat. „Da“, sagt er erklärend und drückt noch ein wenig nach, bis ich fiepend das Ende meiner Toleranz verkünde „da mögen es die Patienten meistens nicht so gerne.“

Der Azubi tastet vorsichtig auf mir herum, meilenweit davon entfernt, die richtigen Handbewegungen zu machen. Wie soll er auch, er muss es ja erst lernen, und ich nehme an, man kann nicht alles an einem Schnitzel üben, was man als Masseur oder sonstiger Therapeut über das Durchwalken des Fleisches wissen muss. Das leuchtet auch mir ein, ich habe durchaus Verständnis, und kooperativ wie ich bin, sage ich dem geradezu schüchtern greifenden Azubi wieder und wieder, ob er an der richtigen Stelle ist oder nicht, ob es wehtut und wie das wehtut. „Hier wird ausgebildet“, wer kennt solche Schilder nicht, so etwas stimmt einen sofort milde, jedenfalls wenn man etwas mitdenkt, wir haben ja alle einmal irgendetwas gelernt.

Der Physiotherapeut und der Azubi murmeln Muskelnamen auf Latein und auf Deutsch, ich höre Sätze wie „nein, das ist der weiter unten, der da“ und „nein, da greift man dann von vorne ran, wenn man das erreichen will.“ Ich schlage ihnen vor, meinen Rücken der Einfachheit halber en detail mit Kuli zu beschriften, leider haben sie dafür aber jetzt keine Zeit mehr. Schade,  ich hätte es mir ganz entspannt vorgestellt.  Meine Zeit ist um, und ein letztes Mal grabbelt der Azubi nach den schmerzenden Stellen, ein letztes Mal lenkt der berufserfahrene Therapeut seine Hand.  Ich bin froh, nicht beim Urologen zu sein, stehe wieder auf und ziehe mich an, mit wehen Muskeln aber dem guten Gefühl, dem Nachwuchs im Gesundheitswesen einen guten Dienst erwiesen zu haben.

Der Therapeut und sein Azubi vearbschieden sich und verlassen den Raum, während ich mein Handtuch wieder einsammele und in den Rucksack stopfe. „Das war jetzt aber richtiger Schreibtischschrott“, höre ich noch von vor der Tür, „jetzt sehen wir uns lieber mal einen Sportler an.“


 

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