Der Morgen ist grau und diesig. Seit Loriots freundlichem Steingrau kann man bekanntlich kein Grau mehr in Ruhe beschreiben, auch nicht dieses lichte, angenehme Grau mit dem ganz dezenten Blaustich am oberen Rand, einem fast kaum zu ahnenden Rand am endlosen Grau, dass da über dem Meer liegt. Man weiß, dass es über dem Meer liegt, sehen kann man vom Meer aber nichts. Es liegt direkt vor dem Hotelfenster, das Meer, aber vor dem Hotelfenster ist gar nichts. Das Fenster steht weit auf, es ist der erste Morgen im Jahr, an dem es dadurch nicht grausig kalt im Zimmer wird. Nur ein paar Zweige mit dicken Knospen daran wippen gelegentlich durchs Bild vor dem Fenster, weil Spatzen auf ihnen herumturnen. Man hört nichts, wenn die Vögel gerade nicht lärmen, gar nichs. Das Meer liegt ein paar Meter weiter herum und rauscht nicht, brandet nicht, plätschert nicht. Liegt und schweigt, Decke über dem Kopf, man kann ruhig so tun, als sei es gar nicht da, das ist ihm egal. Wir liegen auch unter lichten Decken, die Herzdame und ich, und wir drehen uns noch einmal um, sozusagen Seite an Seite mit dem Meer. Und es ist für alle Parteien vollkommen in Ordnung, keine weitere Notiz voneinander zu nehmen. Entspanntes Nebeneinander. Ihr liegt da, ich liege hier, na und. Gar kein Vergleich zu der dauernd nach Aufmerksamkeit gierenden Nordsee mit ihren mackerhaften Stürmen, dem hysterischen Hin und Her des Pegels und der ewigen proletenhaften Anmache am Deich. Die Ostsee verbirgt sich gelassen hinter einem diesigen Morgen.

Die ersten Spaziergänger am Strand sehen sich die Hotels auf der Landseite an, weil auf der Seeseite nichts ist, da findet das Auge keinen Halt. Ab und zu verschwindet eine Möwe im Dunst.

Einfach herumliegen, nichts von sich hermachen – und dennoch ein Meer sein. Ein Meer mit tausend Hafenstädten ringsum, Schiffen auf dem Grund und Erzählungen ohne Ende am Ufer. Ist das nicht ganz außerordentlich sympathisch?

Ach, egal. Ich leg mich wieder hin.


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