Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich mich in der Zeit rückwärts wünsche, die Gegenwart mit all ihren Problemen ist mir immer noch lieber als etwa die Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, um einmal die weiteste Vergangenheit zu nehmen, an die ich überhaupt noch einen Funken Erinnerung habe. Aber manchmal gibt es doch Situationen, in denen ich mich gerne für einen Moment in einer Welt wiederfinden würde, in der manches noch viel einfacher war.

Etwa dann, wenn Sohn I wieder einmal nach den Berufen unserer Freunde fragt. Das klingt nämlich nur einfach, wenn man von einer vollkommen veralteten Weltlage ausgeht, in der alle Menschen noch Berufe hatten, die irgendwie einleuchtend klangen. Das erinnere ich noch so aus meiner Kindheit, da waren die Großen um mich herum Glaser oder Maurer, Maler oder Bankdirektor, Lehrer oder Hausfrau, das war alles recht einfach. Ich gehe im Geiste noch einmal die Erwachsenen durch, die damals Gast in unserem Haus waren – gar kein Problem. Da gab es natürlich auch Menschen, die bei Versicherungen arbeiteten, was mir nicht wirklich klar wurde, aber so ungefähr verstand ich es doch. Es war immerhin auf ein schlichtes Grundmodell der Geschäftsbeziehung herunterzubrechen, das war irgendwann doch begreifbar, wenn auch vielleicht noch nicht mit 4. Steuerberater, das war auch ein wenig kryptisch, aber auch das war irgendwann auflösbar. Ärzte, Kinderärzte, die machten damals alle noch Hausbesuche, Friseure, LKW-Fahrer, was alles so vorbeikam. Die Nachbarn machten Limonade in einer großen Abfüllanlage, andere deckten Häuser, betrieben Tankstellen, und die Eltern der Schulfreunde leiteten Autowerkstätten, bauten Häuser, hatten Schlachtereien – alles kein Problem.

Sohn I fragt nach der ersten Freundin von uns, die ihm einfällt, ich stöhne leise und sage nach längerem Nachdenken entschlossen: „Äh…“

Die Dame ist Strom-Brokerin. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich selbst, was sie da genau tut, ich schlage dem Sohn geschickt vor, erst einmal zu anderen Menschen überzugehen. Er fragt nach ein paar Leuten, und wie der Teufel es will, machen die alle „irgendwas mit Online“, irgendwas mit IT“ oder „irgendwas mit Medien“, was hab ich eigentlich für einen spinnerten Freundeskreis? Schlagartig werden mir die Handwerker in meinem Umfeld sympathischer als je zuvor, ich verweise mehrfach auf den Onkel, der Glaser ist – aber das Kind lenkt zielsicher zu den Problemberufen zurück. Er fragt nach einer seiner Patentanten, leider auch so ein schwerer Fall von „irgendwas mit Medien und Online“, es ist wirklich furchtbar. Er liebt seine Patentante sehr, was ich nachvollziehbar finde, aber über die Patentante von Sohn II würde ich jetzt doch deutlich lieber reden, die übersetzt nämlich Bücher und schreibt welche, das könnte ich vergleichsweise einfach erklären. Aber die interessiert ihn nicht. Was soll er mit der Patentante von Sohn II, wenn er doch eigene hat? Eben.

Ich habe dummerweise einen sehr langen Arbeitstag hinter mit, ich würde das Denken gerne für heute einstellen, aber da es dem Kind so wichtig ist, fange ich ganz vorne an und erkläre und erkläre und erkläre. Der Computer, das Internet, die Zeitungen, die Newsportale. Informationen, Artikel, Bilder, Werbung, die ganze bunte Welt der Onlinemedien, kindgerecht aufbereitet für Vierjährige, ich mache das im Grunde gar nicht schlecht, stelle ich überrascht fest, während ich mir selber zuhöre. Es perlt erstaunlich fachkundig aus mir heraus, auch wenn Sohn II dabei außerplanmäßig einschläft, aber egal , ein wenig Schwund ist immer. Sohn I jedenfalls hört mir geradezu gebannt zu, so ein aufmerksames Kind hat ja auch etwas sehr Motivierendes, da gibt man sich gerne ein wenig mehr Mühe, und wenn man noch so müde ist. Der Sohn fragt sogar nach, gar nicht dumm, was er da fragt, und ich erkläre immer weiter. Onlinevideos, Klickstrecken, Verlinkungen, Presseagenturen, Redaktionen, Newsrooms, noch ein paar Fragen von Sohn I und erkläre ihm die ganze Welt 2.0, gar kein Problem, inklusive aller relevanten Social Networks. Wenn man erst einmal in Fahrt ist, dann ist es leichter als gedacht. Zwischendurch mache ich eine kleine Kunstpause und frage nach, ob er auch alles verstanden habe, ob ihm denn jetzt auch klargeworden sei, was seine Patentante da so treibt? Ja, sagt der Sohn pikiert, völlig klar, und er sei ja nicht blöd. Er würde aber doch gerne noch wissen, ob sie für diesen Beruf eigentlich sehr oft Geld rauben müsse und ob das dann auf der Straße geschehe und in welchem Kostüm überhaupt?

Ich glaube, ich erkläre ihm das morgen besser noch einmal.


%d Bloggern gefällt das: