Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung

Zweimal im Jahr fahren die Herzdame und ich zu den Großeltern im tiefsten Binnenland, parken die beiden kleinen Söhne dort und fahren dann klammheimlich alleine weiter, an die Ostsee, nach Kühlungsborn. In ein schickes Hotel, in dem es sehr wenig Kinder gibt, dafür aber sehr gutes Essen, gute Aussicht und vor allem Ruhe – viel, viel Ruhe. Wir sagen den Kindern nicht, wo wir hinfahren, die denken beide, wir würden nach Hause fahren. Denn so toll sie die Großeltern auch finden, wenn sie wüssten, dass wir an einen Strand fahren, an dem man auch prima herumbuddeln könnte, sie würden natürlich mitkommen wollen. Sie sind beide noch nicht in einem Alter, in dem sie Ruhebedarf bei Erwachsenen auch nur annähernd verstehen würden, das Alter erreicht man bekanntlich erst schlagartig bei der Geburt der eigenen Kinder.

Die Herzdame und ich haben nun lange diskutiert, wie schlecht es eigentlich von uns ist, den Söhnen unsere Kurzreise zu verheimlichen. Lügen wir sie nicht geradezu an? Darf man das denn überhaupt? Was sollen sie von uns denken, wenn sie es herausfinden? Und wie lange können wir das wohl noch so machen? Wir haben hin und her überlegt. Dann fiel mir die perfekte Lösung für das exakte Timing ein. Wir setzen das Szenario einfach so lange fort, bis die Kinder selbst zum ersten Mal heimlich an den Strand fahren und uns vormachen, sie wären etwa bei Freunden, um Mathe zu lernen. Das kann bei norddeutschen Kindern so lange nicht dauern, und wir werden dann sehr ernst so tun, als würden wir nichts merken. Und irgendwann, wenn sie wieder von einem dieser erschlichenen Ausflüge zurückkommen, werden wir sie freundlich empfangen, wissend den Sand aus ihren Schuhen schütteln und sagen: „Quitt.“

Fairness, so sagt man, ist in der Erziehung sehr wichtig. Daran wollen wir uns stets halten, haben wir beschlossen.

%d Bloggern gefällt das: