Ich bin damals in der Grundschule schon nach der ersten Probestunde wieder aus dem Schulchor geflogen. Der Chorleiter sagte, nachdem er mich gehört hatte, es ginge bei ihm nicht um Geräusch, sondern um Gesang. Da war ich gerade sieben Jahre lang und wusste noch gar nicht, dass es so etwas wie falschen Gesang überhaupt gibt. Seitdem singe ich lieber nicht mehr öffentlich, aber doch immer noch gerne. Ich führe also wie viele Männer ein heimliches Doppelleben als Sanitärtenor und schmettere kraftvoll altes Liedgut unter der Dusche, wo mich keiner kritisieren kann, weil keiner dabei ist. Stolz schwillt die Brust, hell klingen die Schlager meiner Kindheit, ergreifend verhallt das schöne Tremolo meiner markanten Stimme, wasserfallumtost.

Mit Schaum in den Augen sehe ich, wie Sohn I mich interessiert beobachtet. Er hat die Arme auf den Wannenrand gestützt und guckt interessiert. Super, denke ich, mein eigen Fleisch und Blut, er wenigstens wird meinen Gesang lieben, denn für ihn bin ich der Größte. Er sieht mich nicht kritisch, sondern liebend und verehrend. Ganz so, wie es sich für ein gutes Publikum gehört! Ich intoniere extra für ihn die Caprifischer, denn die sind bekanntlich besonders duschenkompatibel, und ich mache das besser als je, denn der lauschende Sohn spornt mich an. Und es kann auch nicht schaden, wenn er die alten Lieder kennenlernt! Ich singe die erste Strophe, der Sohn runzelt die Stirn. „Gut?“ frage ich irritiert. Der Sohn denkt einen Moment nach und sagt dann, dass die Kindergärtnerinnen viel besser singen könnten als ich – und er übrigens auch. Und sein kleiner Bruder. Und Mama. Er denkt weiter nach und sagt, dass wahrscheinlich auch alle seine Freunde auch besser singen könnten als ich. Und dann stellt er fest, dass die Sonne nicht rot sei, in Wahrheit nicht im Meer versinke und dass der Mond auch nicht blinke, wie in dem doofen Lied von mir da, in echt nicht. Und er geht kopfschüttelnd ab.

Alle Eltern von Kleinkindern fangen übrigens irgendwann an, endlich wieder allein im Bad sein zu wollen. Ich weiß jetzt, wann man diesen starken Impuls spürt.

Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung


%d Bloggern gefällt das: