Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, das war tatsächlich gestern das zehnte Osterfeuer in Nordostwestfalen, bei dem ich dabei war. Da sollte man vielleicht etwas genauer hinsehen, wenn sich schon einmal solch ein Jubiläum ereignet.

Das erste Osterfeuer im Heimatdorf der Herzdame mit detaillierten Schilderungen von meinen Paarungsversuchen in unterkühltem Gebüsch hat es ja sogar in ein Buch geschafft, und ich rechne es dem Dorf hier wirklich hoch an, dass ich diesen Text später vor Ort tatsächlich unbeschadet öffentlich vorlesen konnte, ohne hinterher über die Landesgrenze gejagt zu werden. Man kann hier etwas ab, nicht nur beim Schnapskonsum, auch das spricht sehr für Nordostwestfalen. Damals, vor zehn Jahren, da war mir im Dorf noch alles sehr fremd, heute ist es mir fast vertrauter als meine eigene Heimat. Damals hatte ich nur Augen für die Herzdame, heute muss ich nebenbei noch nach zwei Kleinkindern sehen, das kommt davon. Immer noch stehen zu Ostern Menschen bei jedem Wetter auf dem Acker im Rauch des großen Feuers, trinken viel, essen Wurst und landen irgendwann im schön warmen Feuerwehrgerätehaus, wo man wie in jedem Jahr die Lichterketten mit den bunten Glühbirnen unter die Decke gehängt hat, Barre-Bräu und Schwatten (Kaffee mit Korn) ausschenkt und wo in der Ecke ein Dorf-DJ der Jugendfeuerwehr starr wie eine Salzsäule vor einer riesigen Anlage steht und ohne die geringste Regung in Gesicht oder Körper einen Partykracher nach dem anderen auflegt. Man holt sich nicht nur ein Bier am improvisierten Tresen, man holt sich immer gleich zehn Bier und verteilt dann an die Umstehenden, das ist sozialer und auch praktischer, und außerdem ist es förderlich für die Stimmung. Und in manchen Jahren klappt es dann sogar, dass irgendwer anfängt zu tanzen.

Und wenn hier jemand anfängt, dann lässt man den natürlich nicht alleine, wie sähe das denn auch aus, das geht ja nicht. Und dann tanzen plötzlich Menschen aller Altersgruppen, mit ihrem Partner und mit den Kindern, die auf den Schultern sitzen, sich an die Beine klammern und oder einfach irgendwie zwischen den großen Beinen herumhüpfen. Oder die selbst mit einem anderen Menschen tanzen, wenn sie denn alt genug sind, um den ersten Tanzkurs schon hinter sich zu haben. Man tanzt hier nämlich noch zu zweit, eine sehr erfreuliche Rückständigkeit gegenüber Hamburger Partys. Ich habe allerdings bei einem kleinen Test gemerkt: kaum tanzt man mal fünf Jahre nicht, schon kann man nicht mehr alle Figuren im Discofox. Schlimm. Aber irgendwie auch schön, denn die lautstark und vehement geführten ehelichen Debatten über das korrekte Einbrezeln der vier Arme bei dieser einen Figur da, es fühlte sich gewissermaßen an, als wären wir wieder fünf Jahr jünger. Sogar die Dialoge von damals kamen uns wieder fast unverändert in den Sinn.
„Du könntest ja einfach mal führen.“

„Was glaubst Du, was ich hier mache?“
„Ich merk nix.“
„Ach komm, Dich biegt doch eh nur rohe Gewalt.“

Die Söhne sahen uns staunend beim Tanzen zu, es war für sie eine Premiere, uns solchermaßen bewegt zu sehen. Und wieder bestätigte sich, was wir schon eine Weile vermuten: das nämlich Sohn I zumindest in diesem Lebensjahr eher deutlich in meine Richtung schlägt, also bei Tanzveranstaltungen gerne stocksteif-verbiestert hanseatisch-würdevoll am Rand steht, auf dem Smartphone herumtippt und amüsiert guckt, während Sohn II eher nach der Mutter kommt und bäuerlich-brachial ländlich-lebenslustig mitten im wogenden Getümmel einen denkwürdigen Abend verbringt. Zu sehr später Stunde, als Sohn I und ich bereits etwas müde wurden und uns gerade einvernehmlich darüber verständigten, doch lieber nach Hause und ins Bett zu wollen, kam Sohn II an unserem Tisch vorbei und griff mit einem Satz, den er im Laufe des Abends von den Nachbarn angenommen hatte, zu einem Glas Brause und trank es auf Ex: „Wer viel tanzt, der muss auch viel trinken.“ Es ist seine allererste gelernte Lebensweisheit und es ist bemerkenswert, wie sinnvoll er sie gewählt hat. Gene sind doch etwas sehr Faszinierendes.

Und während Sohn I und ich uns schon anzogen, um auf dem Heimweg noch ein wenig über die Unterschiede zwischen Stadt und Dorf zu philosophieren, sahen wir im Gehen noch kurz den denkwürdigen Erstkontakt von Sohn II mit der Musik von Village People. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, keine Frage. Und wer gesehen hätte, wie dieser flummimäßig hopsende Zweijährige, der übrigens sehr passend eine Bauarbeiterverkleidung trug, auf der Tanzfläche bei dem wummernden Beat vor Glück fast platzte – er hätte wohl keinen Zweifel daran, wie viel von ihm diesem Dorf entstammt, dessen Einwohner während der Nummer begeistert etliche Biere auf das Wohl des besonders wilden Hüpfers tranken .

Zehn Jahre Osterfeuer in Friedewalde. Eine große Zeit.


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