Wenn man mitten in der Stadt wohnt wie wir, dann kann man den Kindern natürlich nur begrenzt Wissen über Umwelt und Natur der Heimat vermitteln, da fehlt einfach das Anschauungsmaterial. Und wenn man immer nur auf Bilderbücher vertraut, dann ergibt das so ein seltsam süßliches Bild des Landlebens, das hat mit der eigentlich doch beinharten Wirklichkeit viel zu wenig zu tun, finde ich.

Wir fahren also oft raus, besuchen die Großeltern in ihrem Dorf und erklären dort, was man über das Land wissen muss. Alles am praktischen Beispiel! Äpfel wachsen am Baum, Mist kommt auf den Acker. Kühe stehen im Stall, in Gülle ist Pipi. Spargelbeete sehen seltsam aus, und Spargelernte ist richtig harte Arbeit. Pferde können beißen, der Habicht fängt niedliche Mäuse. Trecker sind sehr groß und sehr laut. So ein Besuch im Dorf ersetzt uns ganze Regalmeter von viel zu niedlich illustrierten Büchern. Ich finde, die Kinder sollten mit den Tatsachen leben können, in jedem Alter. Ein Melkapparat ist nun einmal kein lustiger Anblick, in dem großen Ding ohne Fenster sind sehr, sehr viele Schweine, die nicht gerade idyllisch leben. Und auch nicht sehr lange. Die Söhne gehen neben mir über die Landstraße, hören zu und denken nach, so soll es auch sein. Ihr Papa sitzt immer nur am Schreibtisch, der Bauer aber bewegt riesige Maschinen, Berufe fallen anscheinend verschieden aus.

Der Bauer ist nett, der Bauer erzählt, was er so macht und was bei ihm passiert. Die Kinder hören gebannt zu. Wo könnten sie denn besser lernen, wie die Welt wirklich funktioniert, als hier, sozusagen an der Basis? Der Bauer spricht über seine Kühe, die hinter ihm stehen und gewaltig muhen. Das hier ist tausendmal besser als Vorlesen.

Auf dem Weg zurück in die Stadt wiederholen die Kinder auf den Rücksitzen des Autos murmelnd, was sie an neuem Wissen bei ihm gesammelt haben. Zum Beispiel: Normale Kühe geben Milch – braune Kühe aber geben Kakao.

Vielleicht sollte ich mit dem Bauern doch einmal ein ernstes Wort reden.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


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