Am Mittwoch wurde die alte Küche herausgerissen und abtransportiert. Um etwa 14:30 ging ich mit den Söhnen in den Park, die Herzdame wollte nur eben die ramponierten Wände und die Decke in dem nun leeren Raum weiß streichen und dann nachkommen. Ich ließ eine tatkräftig aussehende Frau in der Wohnung zurück, die sich alte Kleidung überwarf, Farbeimer in die Küche schleppte und uns fröhlich nachwinkte.

Gegen 16 Uhr teilte sie mir telefonisch mit, sie sei jetzt mit dem Abkleben der Ränder fertig, das sei etwas aufwändiger als gedacht gewesen, der Rest ginge dann aber sicher schnell, sie müsse nur noch fix das Riesenknäuel der Abdeckfolie wieder entwirren, die habe sich etwas verdingstert. Sie wolle aber zum Abendessen nachkommen, Pommes am Kiosk oder so, ohne Küche könne man ja schlecht zuhause essen.

Um 18 Uhr rief ich sie an, das Telefon klingelte sehr lange. Dann wurde abgenommen, ich hörte ein lautes Rascheln wie von großen Mengen Plastikplane und im Hintergrund die Herzdame, die Sätze brüllte, die nicht zitierfähig sind. Dann brach die Verbindung wieder ab. Ich teilte den Söhnen mit, dass ihre Mutter offensichtlich gut vorankäme, wahrscheinlich aber nicht zum Abendessen erscheinen könne.

Um 19:30 brachte ich die Kinder nach Hause, wo eine plötzlich ergraute Herzdame die Tür öffnete. Bei näherem Hinsehen war ihre Frisur durch zahllose Farbsprengsel dezent geweißt. Ich fragte freundlich, ob sie denn keine Papierhüte basteln könne, das würde man doch gemeinhin bereits als Kind lernen. Die Herzdame gab ein Knurren von sich, verschwand wieder in der Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Nach einem kleinen Moment sah sie noch einmal kurz heraus und erklärte mir mit einem leicht irren Gesichtsausdruck, dass frei herumfliegende Abklebebänder eine interessante Struktur in neuer Farbe hinterlassen würden. Ich brachte die Kinder in Sicherheit und ins Bett.

Eine Stunde danach kam die Herzdame aus der Küche und fragte, ob eine etwas fleckig wirkende Decke nicht optisch gut zur in Kürze neu im Farbton „Lagune“ gestrichenen Wand passen könne, das sei ja quasi, also in etwa, so wolkenmäßig? Oder? So ein etwas unregelmäßiges Weiß? Cumulus? Mit so Schatten drin? Ich sagte, dass die Farbe „Lagune“ laut Beschreibung in dem Fachmagazin an Karibik erinnern solle und in der Karibik sei der Himmel gemeinhin blau, nicht weiß. Und wenn Weiß im Karibikkontext vorkäme, dann strahlend weiß. Wie das Innere der Kokosnuss, wie beim Bounty in der Werbung. Dann sah ich mir die Küche an, sagte „oh“ und tätschelte freundlich und aufmunternd die zusehends hängenden Schultern der Herzdame.

Am späteren Abend schrieb die Herzdame in desolater Stimmung auf Facebook über ihre Malerfahrungen, woraufhin sich der gesamte dort vertretene Freundeskreis überraschend als Expertenforum Innendekor erwies und in zahllosen Kommentaren sehr gute Ratschläge in Fülle ausbreitete. Wir konnten ja nicht ahnen, wie viele unserer Freunde von Malern abstammen, mit Malern intim waren oder bereits Maler im Fernsehen gesehen hatten und daher als ungewöhnlich qualifiziert zu betrachten sind. Die Hinweise lasen sich dann auch durchaus sinnvoll, fand ich. Die Herzdame saß vor dem Computer und gab beim Lesen der freundlich gemeinten Erläuterungen zu Farbqualität und Handwerkskunst kampfhundähnliche Geräusche von sich. Ich schlug ihr vor, am nächsten Tag einfach alles noch einmal schnell überzustreichen, den Rest des Abends verbrachte ich dann auf der Flucht.

Am nächsten Morgen half ich der Herzdame beim Aufstehen, sie sah sich dazu durch einen etwas heftig ausgefallenen Muskelkater nicht mehr alleine in der Lage. Ich schob sie in die Küche, brachte die Kinder zur Kita und ging ins Büro. Um 9 Uhr bereits rief die Herzdame mich an und sagte, die Farbe sei leider überraschend alle. Um 10 rief sie wieder an und sagte, die Farbe sei gar nicht alle, also nicht alle im Sinne von weg, nein, sie sei vielmehr großflächig unter die Abdeckplane gelaufen, und das würde auch die Fußspuren auf dem Teppich und dem Parkett im Wohnzimmer auf dem Weg zum Telefon erklären. Kurz darauf rief sie noch einmal an und teilte mir mit, sie würde jetzt tatsächlich mit dem Verarbeiten der Farbe „Lagune“ beginnen. Eine Stunde später erklärte sie mir, dass ein paar interessante Farbvariationen und Abtönungen in der Lagune sicher ganz natürlich aussehen würden, Lagune eben, das Meer, das sei ja auch nicht gleichmäßig. Ich schlug ihr vor, die Wand noch einmal überzustreichen. Am Mittag rief sie mich an, um mir einen Vortrag über die Intensität des Farbauftrags bei Pinsel einerseits und Rolle andererseits zu halten. Ich sagte, sie klänge auf einmal erstaunlich fachkundig. Die Herzdame sagte pikiert, sie sei immerhin Mediengestalterin für Print und Online, da würde sie sich ja wohl mit Farben auskennen. Ich sagte, ich sei Controller und könne daher im Kopf überschlagen, dass die Farbe jetzt für einen dritten Anstrich nicht mehr reichen würde. Die Herzdame legte auf.

Die Wand ist jetzt tatsächlich verblüffend blau, obwohl der Farbeimer doch eindeutig türkis war. Andere Menschen halten die Farbe für das gute alte Petrol, ich bin mir nach längerem Hinsehen nicht mehr sicher. Eher mehr als weniger Blau. Na, warum nicht. Blaue Wand und weiße Decke, mit Flecken die wir künftig Wölkchen nennen wollen, weil wir es gut meinen. Sollten bei den Restarbeiten noch ein paar weiße Farbspritzer in der Lagune landen, werden es eben Schaumkronen auf den imaginären Wellen sein. Ich werde gelegentlich darauf zeigen und „Schau, es frischt auf!“ rufen. Weiß und Blau, das ist für mich in dieser Ausprägung allerdings nicht die Karibik, wie es die Beschreibung der Trendfarbe „Lagune“ versprochen hatte, Weiß und Blau, das ist natürlich Griechenland. Und das Sein bestimmt immer noch das Bewusstsein, ich ziehe also in Erwägung, beim Kochen aus der vegetarischen Periode direkt in die griechische Phase überzugehen. Dazu muss jetzt nur noch die neue Küche eingebaut werden, was theoretisch schon morgen passiert – wir werden berichten. Nach der Arbeit vielleicht gleich einmal ein griechisches Kochbuch kaufen? Warum eigentlich nicht?

Und nach dem Abendbrot dann künftig immer einen Ouzo aufs Haus. Yamas!


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