Kehret um!

Die Zeiten sind wirr und hektisch, die wenigsten würden von sich behaupten, noch mitzukommen. Zu viel von allem, zu schnell und zu durcheinander, die Welt ist ein Kaleidoskop, das ein irres Kleinkind hektisch schüttelt. Wo findet man jetzt noch Halt und Ruhe? In der Tradition natürlich, in dem, was immer schon gut und richtig war. Also z.B. im Spargel.

Denn man braucht heute mehr als jemals Bereiche im Leben, in denen man bei der überlieferten Klarheit und Wahrheit bleiben muss, in denen es gilt, sich unbedingt all den hypermodernen Tendenzen zu widersetzen und klar zu sagen: Nein! Kein Spargelrisotto auf meinem Tisch! Kein Spargel mit Garnelen, und auch keine Spargelpizza. Bleiben Sie fest im Glauben, verlassen Sie sich auf das, was immer schon gut und heilig war. Kaufen Sie ein Kilo Spargel pro Person, denn Geiz ist eine Todsünde. Kaufen Sie Kartoffeln beim Bauern, wo sie noch so gut sind wie damals. Schneiden Sie Katenschinken in Würfel und schämen Sie sich, wenn die Kantenlänge in Millimetern, nicht in Zentimetern gemessen werden muss. Butter, Salz, Zucker, Petersilie, fertig. Das – und nur das – ist die reine Wahrheit, die wahre Lehre und der einzige Weg zum Spargelglück.

Gehen Sie hin und predigen Sie es den Verwirrten und Abweichlern, die Spargelmousse anbeten und die geschmackliche Erleuchtung erwarten. Sagen Sie ihnen, dass sie umkehren sollen, laden Sie die Sünder an Ihren Tisch, denn auch sie können in das Himmelreich des guten Geschmacks gelangen, wenn sie Buße tun, ihre exzentrischen Rezeptsammlungen wegwerfen und einsichtig werden.

Verkünden Sie die frohe Botschaft bis zum 24. Juni, dann ist Johannistag, da ist Schluss mit Spargel.

Das ist noch Zeit genug, um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen, sollte man meinen. Amen.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)