Ich habe es staunend, aber weitgehend klaglos hingenommen, als vor einigen Jahren auf Partys der Smalltalk immer öfter um das Thema Golf kreiste. Ich habe nicht laut gesagt, was ich von Golf halte, zumindest nicht sehr laut. Es waren teils recht nette und sympathische Menschen, die da über diesen abartigen Sport für Liebhaber besonders abscheulicher Moden sprachen, was sollte ich denn machen? Sie haben mir alle immer wieder versichert, Golf sei heutzutage doch gar nicht mehr so schlimm wie früher, die Leute lange nicht mehr so arrogant, die Atmosphäre im Club so wahnsinnig locker, die Bewegung an der frischen Luft so überaus wohltuend. Nun ja. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, die Welt ist groß genug für die Golfer und für mich. Letztlich hielt ich es auch für ein normales Zeichen des Älterwerdens, dass in meinem Freundeskreis immer mehr Golfer auftauchten, das gehörte eben so. Man braucht irgendwann eine Lesebrille, man sieht seinen Orthopäden öfter, die Amalgamplomben werden getauscht, die Freunde gehen golfen, das nennt man dann Kontext. Nur im Stillen dachte ich auf diesen Partys an meine modisch geschmackssichere Mutter, die mir in meiner Kindheit, als wir noch neben einem Golfplatz wohnten, immer eingeschärft hat: „Menschen, die karierte Hosen tragen, die essen auch kleine Kinder.“

In letzter Zeit fällt mir nun auf, dass auf Partys ausufernd und ambitioniert über Gin Tonic geredet wird, und zwar fast so, als sei das ein interessantes Thema. Man diskutiert lang und breit über exotische Ginsorten, die man nur an seltsamen Orten und für erstaunliche Preise erwerben kann, man kombiniert diese Spirituosen im Geiste oder auch de facto mit allen möglichen Sorten Tonic Water, wovon es, was mir vorher gar nicht klar war, auch mehrere Sorten gibt. Und irgendwann kommt man dann zu später Stunde unweigerlich auf die „Gurkenfrage“, wobei man ernst guckt und voller Bedenken den Kopf wiegt, denn an der Gurke, das kann man auch als Außenstehender mit ordinärer Bierpulle in der Hand nicht übersehen, an der Gurke im Glas scheiden sich die Geister. Gerade gestern Nachmittag waren wir wieder auf einer Party, auf der jemand neben uns von Gin Tonic anfing, sicherlich zufällig war es ein Mensch, der gerade frisch vom Golfplatz kam. Auch er ein, das sollte man wohl betonen, ansonsten durchaus netter Zeitgenosse. Er schwärmte von einer bestimmten Sorte Gin, die sogar eine gewisse Bar bei uns um die Ecke ausschenkt und die Herzdame sagte, nicht ohne einen gewissen Spott in der Stimme, dass am Ende noch die Gurke käme, nicht wahr? Nein, sagte der Herr, denn Gedanken wolle er weit von sich weisen. Aber eine Blaubeere, jaha, eine Blaubeere im Glas, das sei es doch, das einzig Wahre. Und er betonte „eine Blaubeere“ auf „eine“. Oder eine Haselnuss, ergänzte die Herzdame bewundernswert ernst. Gin-Tonic-Trinker scheinen anfällig für den Zuruf seltsamer Zutaten. Für die nächste Party überlegen wir uns vorher ein paar amüsante Stichworte.

Und während wir noch mit dem Gin-Tonic-Golfer sprachen, mit dem ich kurz darauf experimentell prüfte, ob man einen Golfball im Treppenhaus vom dritten Stock bis in den Keller ohne nennenswerte Sachbeschädigung gerade durchfallen lassen konnte, was fast schon wieder für den Sport sprach, während ich also mit ihm diskutierte, wurde mir plötzlich klar, dass beide Themen, Golf und Gin Tonic, mit G anfangen und dass es daher in absehbarer Zeit noch ein drittes Thema geben wird, das auch mit G beginnen wird und mich ganz sicher genauso langweilen wird. Aller guten Dinge sind drei, das gilt bekanntlich erst recht für die schlechten, wer würde das ernsthaft bezweifeln? Eben.

Aber was wird es bloß sein? Welches obskure Thema mit G schafft es zum nächsten Trending Topic für die arrivierte Mittelschicht, die beruflichen Durchstarter und die Jungs mit den graumelierten Schläfen? Garnelen? Grünkohl? Go-Kart? Alles zu billig, wie mir scheint. Geigen? Giftschlangen? Götterspeise? Gehstöcke? Ich bin sehr gespannt.

Fast ein Grund, wieder öfter auf Partys zu gehen!


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