Kindermund tut Wahrheit kund, das ist so eine der monströsen Unwahrheiten, die fortwährend über den lieben Nachwuchs verbreitet werden, nur weil ab und zu ein passendes Bonmot in Bodennähe abgesondert wird, das dann in hellem Entzücken gerne stark verallgemeinert wird. Tatsache ist aber: Kleinkinder lügen wie gedruckt und schwadronieren, wenn sie nicht gerade mit dem Verbreiten haltloser Unwahrheiten befasst sind, gerne puren Unsinn, und zwar in wahrhaft epischer Breite. Daran ist in aller Regel auch wenig unterhaltsam, wenig tiefsinnig, wenig erhellend und sehr, sehr wenig wahr oder gar klug.  Die Komik, die man wesentlich öfter dabei wahrnimmt, und die tatsächlich oft berichtswürdig ist, die entsteht meist gänzlich unfreiwillig.  Das muss man verstehen, vorher darf man sich nicht über die paar Perlen freuen, die dann eben doch anfallen, wenn Kleinkinder mit einem reden, man weiß diese Schätze sonst gar nicht recht zu würdigen.

Ein heißer Tag im Park. Sohn II läuft barfuß durchs Gras und beschließt irgendwann, sich den Kiosk da hinten unverbindlich näher anzusehen, es könnte ja ganz theoretisch dort ein Eis geben, sowie eventuell einen Erwachsenen, zum Beispiel seinen Vater, der auf seinen verhungerten Dackelblick in der gewünschten Weise reagiert. Einen Versuch ist das allemal wert, auch wenn der Weg von der Rutsche zum Kiosk ganz schön weit ist, jedenfalls wenn man erst zweieinhalb Jahre alt ist, barfuß geht und der Weg leider ein Kiesweg ist, voller kleiner Steinchen, die beim Gehen weh tun, denn der Winter war lang und die Füße sind das Laufen ohne Schuhwerk nicht mehr gewohnt. Jedes winzige Kieselchen tut weh und es gibt unfassbar viele davon. Der Sohn geht sehr langsam, zuckt bei jedem Schritt, schimpft vor sich hin und bleibt zwischendurch stehen, den Blick sehnsüchtig auf den Kiosk gerichtet. Immer noch verdammt weit weg. Er probiert etwas anderes aus und geht schneller, vielleicht ist die Aufgabe ja einfacher, wenn man durch sie hindurchrauscht? Sohn II ist ein Steher, der gibt nicht so leicht auf. Jedes Steinchen tut immer noch gemein weh, aber er läuft etliche Meter, bis er sich doch wieder zur langsamen Gangart umentscheidet und jetzt lieber vor jedem Schritt genau guckt, wo denn wohl die gemeinsten Steine liegen. Einen Fuß heben, sorgfältig gucken, vorsichtig den Fuß absetzen. Wieder einen Fuß heben, umfallen, wieder aufstehen, weitergehen. Das dauert! Er schiebt seinen Sonnenhut hoch in die Stirn, stemmt die Arme in die Hüften und peilt noch einmal das Ziel an, dem er bei all der Mühe enttäuschend wenig nähergekommen ist. Weiter gehen, noch ein Schritt und noch ein Schritt. Leise schimpfen, zwischendurch einfach mal hinsetzen und Kies zwischen den Zehen herauspuhlen, so etwas kann er nicht ab, das widerspricht seinem ausgeprägten Ordnungssinn. Zwischen den Zehen hat nichts zu sein, „Das soll da nicht!“ hört man ihn leise brummeln.

Ich gehe schließlich zu ihm hin, hocke mich vor ihn und frage, ob ich ihn nicht vielleicht ein Stück tragen soll? Bis zum Kiosk zum Beispiel? Weil das Gehen doch so schwer fällt? Und der Sohn guckt mich irritiert an, schüttelt den Kopf und sagt mit ernstem Blick „Papa, geh weg, das ist doch mein Weg.“

 


%d Bloggern gefällt das: