Sie sind etwas anstrengend, diese grauen Tage der Schafskälte. Die Kinder wollen auf den Spielplatz, auf dem Spielplatz ist aber kein Mensch, denn auf dem Spielplatz friert man. Wieder drinnen spielen, nachdem man sich gerade an wärmere Tage gewöhnt hat?  Malen, Basteln, Puzzeln? Da müssen sie doch sehr bitten, die Herren Söhne. Stehen an der Tür, scharren mit den Hufen, wissen nicht, was sie tun sollen, wollen und können. Sind auch gerade leider in ganz verschiedenen Phasen, können nicht recht gemeinsam beschäftigt werden. Es hakt alle paar Minuten, es reibt und kribbelt und kracht, es kracht viel mehr, als meine Nerven ertragen können. Wir teilen die Söhne also besser auf, jeder nimmt einen und dann werden verschiedene Programme gefahren, manchmal  ist alles viel einfacher so.

Das Wochenendprogramm für Hamburg weist nichts, aber auch gar nichts aus, was kinderkompatibel wäre und auch noch mir gefallen könnte. Mir graut bei dem Gedanken, schon wieder schwimmen zu gehen, ich will nicht in den Zoo, ich will auch nicht ins Museum. Was tut man denn bloß? Mir fallen die bemitleidendswerten Leute ein, die am Wochenende „was tun mit Kindern“ googeln, das sind verblüffend viele und die landen aus irgendwelchen Gründen gerne mal in meinem Blog. An jedem Freitag trudeln sie hier ein. „Was tun mit Kindern“, das geben die tatsächlich bei Google ein, gerne auch „was tun mit Kindern am Wochenende“ oder „was tun mit Kindern bei Regen“. Über diese Leute habe ich immer gelacht, jetzt gerade finde ich die Frage fast nachvollziehbar, jeder schwächelt eben irgendwann.

Sohn II steht vor mir, hält mir seine Jacke hin und fragt “Ausflug? Nur wir beide? Ja?“ Und ich sage ja, na klar, ein Ausflug und dann sage ich, weil mir nach wie vor überhaupt keine Bespaßung einfallen will, dass er ja einmal entscheiden kann. Alles. Warum eigentlich nicht, mal sehen, was, was dabei herauskommt, wahrscheinlich landen wir sowieso im nächsten Eiscafé, das soll mir dann recht sein, die werden ja auch Heißgetränke haben. Der Sohn will aber überraschend spontan mit dem Bus fahren, da muss er gar nicht erst  lange nachdenken. Bus fahren, das ist der Knaller, wie es scheint. Er strahlt. Wir gehen zum Bus, er erklärt mir unterwegs, dass man sich im Bus küssen darf. Küssen ist sonst überall „plöd“, sagt er, aber im Bus, da ist es aus nicht weiter ausgeführten Gründen okay.  Gut, sage ich, das habe ich nicht gewusst, habe ich wieder was gelernt. Werde ich auch seiner Mutter mal erklären, und dann fahren wir Bus, aber hallo. Ich steige mit dem Kind  in den Bus und ich kriege einen Kuss, das ist ein ziemliches Geschenk, bei Sohn II.

Er sieht aus dem Fenster und erklärt mir die Stadt und die Autos, „guck, ein Theater“, sagt er vor dem Schauspielhaus und ich habe keine Ahnung, woher er das weiß. „Da wird gespielt, aber nur mit Erwachsenen.“ Der Junge kennt sich aus, wie es scheint.  Guck, der Bahnhof, guck, die Bücherei, guck, der Spielzeugladen, guck, die Feuerwehr! Vor dem Rathaus will er aussteigen, Rathaus klingt gut, findet er.  Wir steigen aus und es fängt prompt an zu regnen. Sohn II stellt entsetzt fest, dass seine Jacke nass wird, und das passt ihm nun gar nicht. Alles darf nass werden, nur die Jacke nicht, das ist dann leider bei Regen etwas heikel. „Reingehen“, sagt er und zeigt auf die nächstbeste offene Tür.

Wir gehen rein und ich bin zum ersten Mal in Sankt Petri, in einer Kirche, die wahrscheinlich jeder Tourist kennt, nur ich hab sie irgendwie verpasst. Der Sohn steht im Kirchenschiff und guckt nach oben, und das Oben fällt hier sehr weit weg aus. „Müssen leise sein“, sagt er und legt einen Finger an die Lippen. Zieht mich um die Reihen der Bänke herum, einmal alles ansehen. Am Altar wird Gesang geprobt, eine Dame singt Bibelstellen, es gibt bestimmt einen tollen Fachbegriff dafür, aber ich kenne mich in religiösen Themen nicht so gut aus. „Musik“, stellt Sohn II anerkennend fest und nickt der Dame aufmunternd zu. Die Dame sieht und singt über ihn hinweg, aber das stört ihn nicht. Der Sohn hört zu und guckt immer wieder nach oben, zu den Bögen über den Pfeilern und der Raum wirkt, und wie der wirkt, es ist faszinierend zu beobachten. Dieser sakrale Ernst aus einer vollkommen ironiefreien Zeit, mit der diese alten Kirchen geplant wurden, diese steinerne Anbetung, sie gefällt dem Kind offensichtlich sehr.  Es zieht an meinem Hosenbein, zeigt nach oben und staunt und will, dass ich mitstaune.  Und das mache ich dann auch.

In den Kirchenbänken sitzen vereinzelt Menschen und beten. Touristen, die wie gestrandet da sitzen, als ob sie da nicht hingehörten, als o sie von ihrer eigenen Besinnung überrascht worden wären. Abgestellte Rucksäcke neben sich, zurückgelegte Köpfe, auch sie sehen nach oben.  Manche halten die Hände in klassischer Gebetshaltung, manche halten Reiseführer. Dann alte Menschen, die aussehen wie vom Leben verprügelt, ein grauhaariger Mann in einem viel zu großen, schwarzen Mantel,  der leise weint, den Kopf in die Hand gestützt. Eine Frau, die mit leerem Blick den Altar anstarrt und dann gelegentlich auf ihr Handy sieht, als müsse sich das erhörte Gebet umgehend in einer SMS manifestieren. Dazwischen gehen Japaner auf Zehenspitzen herum, machen Fotos und lesen in Broschüren nach, was sie da eigentlich sehen.

Vorne am Eingang ein kleines Sandfeld, in das man Kerzen stecken kann. Der Sohn zeigt dahin, das will er sich jetzt genau ansehen. Wir gehen zu den Menschen, die dort stehen und Kerzen anzünden, die sie aus einem großen Karton nehmen, aus dem man sich gegen eine kleine Spende bedienen kann.  Die Leute knieen sich hin, das geht auch gar nicht anders, man muss ja auf den Boden. So sieht jeder aus, als würde er beten, und weil sie so ernst gucken und so leise sind, sehen alle auch ein wenig traurig aus. Vielleicht sind sie es gar nicht, vielleicht zünden sie die Kerzen nur aus Tradition an, oder weil es alle tun oder weil es nicht schaden kann.  Vielleicht wünschen sie gerade ganz froh etwas für jemanden oder danken für was auch immer. Man weiß es nicht, es ist auch egal. Es ist ein ernstes, schönes Ritual.

Der Sohn bittet mich um Geld und nimmt sich eine Kerze. Kniet sich neben eine ältere Dame und zündet seine Kerze sehr vorsichtig  an einer anderen an, wie es die Leute um ihn herum auch tun, er hat es sich minutenlang genau angesehen.  Steckt sie dann in den Sand und guckt sinnend in die Flamme, grinst ein wenig und freut sich. Freut sich über seine Geschicklichkeit, was man sofort nachvollziehen kann, wenn man bedenkt, dass er erst zwei Jahre alt ist. Freut sich über das flackernde Kerzenmeer vor ihm, über die wabernden Schatten an den Wänden und Pfeilern, über den leisen Gesang vom Altar her. Merkt nicht, dass die Gäste neben ihm Tränen in den Augen haben, weil er so rührend aussieht, wie er da vor seiner Kerze kniet. Ist mit sich und Welt sehr, sehr zufrieden.

„Jetzt wieder raus“, sagt er und zeigt entschlossen auf die Tür, „in der U-Bahn ist ja auch kein Regen.“ Und er singt noch in der Kirche lauthals „Es regnet, es regnet, die Erde wird nass.“

Und falls Sie das hier übrigens gelesen haben, weil sie nach „was tun mit Kindern“ gegoogelt haben – lassen Sie doch die Kleinen mal entscheiden. Es kann spannend sein.



 

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