Aus dem Leben in der Minderheit

Die Reaktionen reichen von Verwirrung bis zu heller Empörung. Manche schütteln nur den Kopf und sehen mich an, als sei ich irre geworden, manche gucken misstrauisch, als hätte ich gesagt, ich würde täglich Insekten frühstücken. Manche glauben mir einfach nicht und warten ab, wann ich endlich zugebe, nur einen Scherz gemacht zu haben. Das alles sind sehr seltsame Reaktionen.

Dabei habe ich nur gesagt, dass mich Fußball nicht  interessiert. Und zwar nicht im Sinne von: Gar nicht. Null. Daraus ergibt sich logisch, dass ich mir Fußball nicht ansehe, weder zuhause noch unterwegs auf dem Handy oder auf dem iPad. Ich viewe auch nicht  public, wie man so schön sagt. Ich lese später nicht nach, wer wie gespielt hat, ich kenne die Namen der Spieler nicht und weiß generell eher nicht, worum es gerade geht. Wie es eben ist, wenn man sich nicht interessiert. Ich weiß ja auch nicht, wie die letzten Minigolfweltmeisterschaften ausgingen, oder die im Forellenangeln. Ich ignoriere die Zeitungsmeldungen und die Sportschauen, ich schweige höflich in Gesprächen über die Spiele. Ich schweige ziemlich viel, zurzeit.

Ich glaube aber, ich bin trotz meines Desinteresses am Fußball ein ziemlich normaler Mann, geistig zurechnungsfähig und alles, es sind zumindest keine besonderen Auffälligkeiten bekannt.

Desinteresse am Fußball ist, nach allem was die Wissenschaft bisher weiß, überraschender Weise auch gar nicht krankhaft. Und ich hege außerdem keine Absichten, andere zu missionieren, meinetwegen kann jeder so viel Fußball gucken, wie er will. Mir doch egal. Insgesamt geht von Leuten wie mir also gar keine Gefahr aus, wir richten keinen Schaden an.

Sie könnten also aufhören, verstört zu reagieren, wenn Menschen wie ich sich freimütig zu ihrer seltsamen Veranlagung bekennen. Wir wollen gar nicht bewusst im Abseits stehen.

Was auch immer das ist.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.



 

 

Gelesen: „Sitzen vier Polen im Auto“ von Alexandra Tobor

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist ein klarer Kandidat für den allerdämlichsten Buchtitel des Jahres und wer auch immer sich das überlegt hat, er sollte künftig vielleicht doch lieber Werbetexte für Gebrauchtwagen schreiben. Himmel! Was für ein Unsinn! Der Untertitel „Teutonische Abenteuer“  macht es keineswegs besser.

Davon abgesehen ist das aber ein hinreißendes Buch, interessant, unterhaltsam und auf die denkbar angenehmste Art lehrreich. Ein Mädchen kommt mit acht Jahren aus dem noch sozialistischen Polen nach Deutschland, ihre Familie „fährt raus“, wie man das in Polen nennt, „macht rüber“ hätte man wohl in der DDR gesagt. Raus oder rüber ins Paradies der Quelle-Kataloge, das sie mit Auffanglagern empfängt, mit Notunterkünften und Aluschalen-Essen. Welten kollidieren, nichts passt zusammen, zwischen den beiden Gesellschaften scheinen Jahrhunderte und Galaxien zu liegen. Wie sich die Familie durchschlägt, wie sie lernt, sich vorsichtig anpasst, ohne sich aufzugeben, wie sie ihren Stolz bewahrt, wie die ersten Kontakte hergestellt werden und wie sie langsam, sehr langsam  in der BRD ankommen, das liest man in einem Rutsch durch und wünscht sich dann noch, das es noch etwas länger hätte dauern können.

Und das ist ja mit das Beste, was man von einem Buch sagen kann, dieses „ach, schon zu Ende?“-Gefühl auf der letzten Seite, wenn man weiß, es gibt noch gar keinen zweiten Band. Na, kann ja noch werden.

Ich verstehe nach der Lektüre jedenfalls jetzt viel besser warum meine Kollegin aus Polen neulich mit offenem Mund vor mir stehen blieb, als ich ihr erzählte, dass ich hier jeden Tag koche, nicht die Herzdame. Und dass die Herzdame gar nicht kochen kann. Und ich verstehe, warum sie misstrauisch nachfragte, was ich denn zum Beispiel genau an dem Abend kochen würde. Und für wie viel Personen denn.  Und mit welchen Zutaten. Doch, so etwas versteht man deutlich besser, wenn man das Buch gelesen hat.

Davon könnte ich übrigens gerne mehr lesen, von diesen Büchern aus der Welt der Migranten, die aus welchen Gründen auch immer bei uns gelandet sind. Hinweise auf lohnende Titel nehme ich gerne entgegen. Bitte hier in die Kommentare.