Wetterbericht

Ich gehe zur Kita, um die Söhne abzuholen. Ich bin ein wenig zu früh und gehe noch am Spielplatz vorbei, wo ein paar andere Kita-Kinder herumtoben. Auf der Mauer davor sitzen zwei kleine Jungs aus der Vorschule die ich flüchtig kenne, sie baumeln mit den Beinen und sehen schwer gelangweilt aus.

„Na Jungs, was macht ihr so?“

Sie sehen zu mir hoch, ihre Haare wehen wild im Wind, es kommt gerade eine kleine Sturmböe über den Platz und wirbelt Sand und Blätter auf. Die beiden greifen hastig nach der Mauer, suchen sicheren Halt, als könnten sie heruntergeweht werden. Es sind noch ziemlich kleine Jungs und der Wind fühlt sich an, als würde er demnächst seinen großen Bruder holen.

Es ist ein seltsamer Tag in der Stadt. In der Sonne ist es drückend heiß, und wo es windstill ist, könnte man sich schon nach Sekunden zu sommerlichen Gefühlen durchringen. Aber wenn man in den Wind geht, der seit Stunden durch die Straßen kapriolt wie ein ausgelassenes Kindergartenkind und einen ganz bestimmt irgendwann erwischt,  und wenn sich dann noch gerade eine Wolke vor die Sonne schiebt, dann ist es schlagartig kühl, sogar ziemlich kühl. Alle paar Meter bekommt man ein paar Tropfen Regen ab, aber wenn man schnell genug geht, dann kann man der einzelnen Wolke noch entkommen, die einen da gerade ein wenig nass machen möchte.  Manchmal rotten sich die Wolken irgendwo über der Stadt auch zusammen, spielen Gewitterfront und verbreiten beeindruckende Dunkelheit, dann zerstreuen sie sich schnell, als sei nichts gewesen. Ein paar Schritte weiter scheint die Sonne schon wieder. Manche Passanten tragen Regenjacken und Schirme im Anschlag, manche tragen nur kurze Hosen und T-Shirts, manche Anzug und Mantel, manche haben das Jackett über die Schulter geworfen und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Manche sehen aus, als seien sie gerade in einem Schauer richtig nass geworden, manche haben ein Eis in der Hand, es geht alles durcheinander. Komisches Wetter, sagt eine der Erzieherinnen, die an mir vorbeigeht, ganz komisch.

„Na Jungs, was macht ihr so?“

Der eine sagt lustlos: „Wir warten auf den Sommer. Oder auf den Herbst. Oder was da eben kommt.“

Der Satz beschreibt den bisher etwas speziellen Hamburger Sommer eigentlich vollkommen ausreichend.



 

Papa, halt mal

Untitled

Was mir im Laufe eines Wochenendes von Sohn I zugesteckt wird. Alles Schätze, Reichtümer, Kostbarkeiten, Wertsachen. Ich hab ausgesorgt.

Gelesen: „Als Vater sich den Bart abnahm“ von Wolfdietrich Schnurre

Die meisten werden irgendwas von Schnurre kennen, den bekannteren Band „Als Vaters Bart noch rot war“ zum Beispiel, oder diese eine Geschichte, die jahrzehntelang Pflichtlektüre im Deutschunterricht war: „Jenö war mein Freund“. Falls sich jemand nur dunkel erinnert: Aus dieser Geschichte wissen nahezu alle Menschen meines Alters, dass und wie man Igel auch essen kann, und wissen auch, bei welchem Volk das vor nicht allzu langer Zeit noch gängig war. Oder heute sogar noch ist, ich habe eigentlich keine Ahnung. Schnurre wird, abgesehen von dieser einen Geschichte, von vielen leider auf die eher heiteren Vater-Sohn-Geschichten reduziert, was sehr schade ist, denn gerade die die bitteren Töne darin, die in diesem Band dann lauter und lauter werden, sind das eigentlich Faszinierende an dem Werk. Die Geschichten spielen in finsterer Zeit, 1933, sie spielen unter armen und bitterarmen Leuten. Die Freunde von Vater und Sohn sind altgediente Kommunisten, die keinen Widerstand mehr leisten können oder wollen, gesellschaftliche Verlierer und Sonderlinge aller Art, Juden, die ahnen, was auf sie zukommt und Menschen, die sich gerade eben irgendwie über Wasser halten, von einem Tag zum anderen. Der Vater bleibt in dieser Zeit Mensch, und man weiß heute, das war eine ungeheuerliche Leistung. Ein feinsinniges Buch, dezent und melancholisch immer am Abgrund zum härtesten Drama entlang. Dialoge, die man mehrmals nacheinander lesen kann,

Schnurre war übrigens ein unglaublich guter Dialogschreiber. Es gibt von ihm auch ein Buch – „Ich brauch Dich“ – das nur aus Partnerschaftsdialogen besteht, keine einzige Zeile Handlung ringsherum, alles erklärt sich nur aus den Gesprächen. Vermutlich gerade nicht lieferbar, aber wenn man es gebraucht findet: Unbedingt mitnehmen.

Und immer wieder beeindruckend, mit wie wenigen Sätzen Schnurre dieses Berlin der dreißiger Jahre wieder auferstehen lässt, wie deutlich man das vor sich sieht, wie man das riechen kann, fühlen kann. Wie man das miterlebt, die Kälte in den Wohnungen der Armen, die Lust an der einen Frikadelle oder dem einen Solei in der Eckkneipe, weil es sonst tagelang nichts Richtiges zu essen gab. Wie man den hundsgemeinen Winter in der Stadt spürt, der die Ärmsten umbringt und nicht mehr in den Frühling lässt. Wie man schließlich die furchtbare Veränderung in der Stadt empfindet, wenn die Uniformierten häufiger marschieren, Fahnen heraushängen und die Macht übernehmen.

Immer noch und immer wieder absolut lesenswert. Die Geschichte über das Grüppchen von kampferprobten Kommunisten, das sich irgendwo in der Vorstadt, wo die ersten Äcker anfangen, im Versteck trifft und etwas planen will, um die Fackelmärsche der Nazis nach der Machtergreifung zu stören, und das dann nach langer Besprechung schließlich doch nichts tut, weil es zu gefährlich ist, weil sie Kinder haben, weil sie Frauen haben, weil sie keinen Sinn mehr sehen, weil sie sich nicht trauen, weil es schließlich irgendwie schief geht – diese Geschichte kann souverän ein paar Kapitel aus dem Geschichtsbuch ersetzen.