Die meisten werden irgendwas von Schnurre kennen, den bekannteren Band „Als Vaters Bart noch rot war“ zum Beispiel, oder diese eine Geschichte, die jahrzehntelang Pflichtlektüre im Deutschunterricht war: „Jenö war mein Freund“. Falls sich jemand nur dunkel erinnert: Aus dieser Geschichte wissen nahezu alle Menschen meines Alters, dass und wie man Igel auch essen kann, und wissen auch, bei welchem Volk das vor nicht allzu langer Zeit noch gängig war. Oder heute sogar noch ist, ich habe eigentlich keine Ahnung. Schnurre wird, abgesehen von dieser einen Geschichte, von vielen leider auf die eher heiteren Vater-Sohn-Geschichten reduziert, was sehr schade ist, denn gerade die die bitteren Töne darin, die in diesem Band dann lauter und lauter werden, sind das eigentlich Faszinierende an dem Werk. Die Geschichten spielen in finsterer Zeit, 1933, sie spielen unter armen und bitterarmen Leuten. Die Freunde von Vater und Sohn sind altgediente Kommunisten, die keinen Widerstand mehr leisten können oder wollen, gesellschaftliche Verlierer und Sonderlinge aller Art, Juden, die ahnen, was auf sie zukommt und Menschen, die sich gerade eben irgendwie über Wasser halten, von einem Tag zum anderen. Der Vater bleibt in dieser Zeit Mensch, und man weiß heute, das war eine ungeheuerliche Leistung. Ein feinsinniges Buch, dezent und melancholisch immer am Abgrund zum härtesten Drama entlang. Dialoge, die man mehrmals nacheinander lesen kann,

Schnurre war übrigens ein unglaublich guter Dialogschreiber. Es gibt von ihm auch ein Buch – „Ich brauch Dich“ – das nur aus Partnerschaftsdialogen besteht, keine einzige Zeile Handlung ringsherum, alles erklärt sich nur aus den Gesprächen. Vermutlich gerade nicht lieferbar, aber wenn man es gebraucht findet: Unbedingt mitnehmen.

Und immer wieder beeindruckend, mit wie wenigen Sätzen Schnurre dieses Berlin der dreißiger Jahre wieder auferstehen lässt, wie deutlich man das vor sich sieht, wie man das riechen kann, fühlen kann. Wie man das miterlebt, die Kälte in den Wohnungen der Armen, die Lust an der einen Frikadelle oder dem einen Solei in der Eckkneipe, weil es sonst tagelang nichts Richtiges zu essen gab. Wie man den hundsgemeinen Winter in der Stadt spürt, der die Ärmsten umbringt und nicht mehr in den Frühling lässt. Wie man schließlich die furchtbare Veränderung in der Stadt empfindet, wenn die Uniformierten häufiger marschieren, Fahnen heraushängen und die Macht übernehmen.

Immer noch und immer wieder absolut lesenswert. Die Geschichte über das Grüppchen von kampferprobten Kommunisten, das sich irgendwo in der Vorstadt, wo die ersten Äcker anfangen, im Versteck trifft und etwas planen will, um die Fackelmärsche der Nazis nach der Machtergreifung zu stören, und das dann nach langer Besprechung schließlich doch nichts tut, weil es zu gefährlich ist, weil sie Kinder haben, weil sie Frauen haben, weil sie keinen Sinn mehr sehen, weil sie sich nicht trauen, weil es schließlich irgendwie schief geht – diese Geschichte kann souverän ein paar Kapitel aus dem Geschichtsbuch ersetzen.

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