Untitled

Ein freundlicher Sommerabend für Hamburger Verhältnisse, die Wolkenberge sehen also in etwa so aus, als könnte man mit etwas Glück noch ein, zwei Stunden trocken bleiben. Ich fahre mit dem Fahrrad in die Hafencity und gehe durch die nahezu menschenleeren Straßen. Zwei, drei schweigsame Angler, sonst ist in den Nebenstraßen niemand zu sehen, es ist geradezu gespenstisch leer. Kellner stehen rauchend vor leeren Restaurants und sehen in den Himmel, ein Pizzalieferant kurvt suchend um die Blöcke, viel mehr andere Autos sieht man allerdings auch nicht. In einigen Büros brennt Licht, aus einem Fenster wird eine Zigarette gehalten und wenn man ganz leise ist und genau hinhört, läuft irgendwo ein Fernseher, in einem dieser nach wie vor seltsam leer aussehenden Luxuswohnwürfel.

Untitled

An den Fleeten entlang gibt es Holzbänke, ziemlich viele sogar. Sie sind alle leer, niemand sieht sich hier den Sonnenuntergang an oder ruht sich von einem Spaziergang aus. Auf einer der leeren Bänke klebt ein gelbes Post-it, mit Tesafilm ordentlich befestigt: „BESETZT“ steht da, in pedantischer Handschrift, doppelt unterstrichen und mit aggressiv dicken Ausrufezeichen. Ich setze mich auf den Zettel, damit er wenigstens einen Moment lang wahr ist.

In den Bäckereien wird aufgeräumt, Menschen afrikanischer Herkunft wischen durch leere Regale und stapeln Stühle. Drei Bäckereien zähle ich, in jeder wird gerade aufgeräumt, und in jeder sieht die Putzkolonne gleich aus. Als würde man die Position „Bäckereireinigungskraft“ nur an Angehörige einer Nation vergeben, wie kommt so etwas eigentlich zustande? Bei den Bäckereien bei uns im Bahnhofsviertel ist es genau so, vielleicht ist es sogar in der ganzen Stadt so, aber warum bloß? Warum räumen da keine Menschen aus Pakistan auf, aus Kroatien, Mazedonien oder anderen wirtschaftlich schwachen Gegenden, was weiß ich, aus Pinneberg? Nein, alle aus Ghana, Nigeria, Gambia oder was immer es nun sein mag. Ich verstehe es nicht.  Alle von der gleichen Zeitarbeitsfirma? Wo ist der Trick?

Ein paar Tropfen fallen, die drei Skater auf den Magellan-Terrassen lassen sich dadurch nicht stören. Üben weiter, fahren über Kanten und Stufen, immer wieder. Besonders elegant sehen sie nicht aus, und als ich näher komme, sehe ich auch, warum das so ist. Da skaten keine Jugendlichen aus dem nächsten Block, da skaten Männer meines Alters, mit Vollbart und Stirnglatze, Bauch und Gleitsichtbrille. Klatschen sich gelegentlich ab, stöhnen ein wenig und bleiben schnaufend stehen. Zwanzig Jahre auf den Brettern, wer weiß. „Gibt gleich Regen“, sagt einer und hält die flachen Hände hoch, die anderen nicken.

Untitled

Die Baustelle der Elbphilharmonie leuchtet im gewittrigen Licht auf, ein paar Fotografen, die eben noch gelangweilt auf den Terrassenstufen saßen und auf die Elbe sahen, werden jetzt hektisch, kramen in Kamerataschen und klappen Stative aus.

Minuten später regnet es richtig, Platzregen, Wolkenbruch. Ich werde so nass, wie sonst nicht einmal unter der Dusche, aber die Luft bleibt warm, es ist eigentlich ganz nett. Ich fahre auf dem Fahrrad durch die Innenstadt zurück, wo mir Heerscharen von schwarzrotgold verkleideten Leuten über den Weg laufen, die das Public Viewing nach ein paar Minuten im Regen aufgegeben haben und tropfend zum nächsten Fernseher laufen. Zerlaufende Fahnen in den Gesichtern, schlapp hängende, nasse Fahnen und aus der Form geratene, vormals wahnsinnig lustige Hüte.

„Ey, wo rennen wir eigentlich hin, ey?“ fragt ein Jugendlicher seine Freunde, die ihm vorausrennen, als hätten sie ein Ziel.  „Keine Ahnung, wo es Bier gibt eben“ ruft einer zurück.  „Geil“ sagt der Erste, begeistert, als wäre das die beste Idee seit langem.

Genug Sport für heute.

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled


%d Bloggern gefällt das: