Nach dem ersten Experiment „Mittagsschlaf im Zelt“ hatte Sohn I zufällig Ohrenschmerzen bekommen, wobei das Wort „zufällig“ nur in meinem Sprachgebrauch vorkommt, denn ich bin erwachsen und befinde daher vollkommen frei, ob und wann etwas zusammenhängt. Für Kinder ist alles selbstverständlich als Kausalzusammenhang zu werten, wer im Zelt schläft, der bekommt also Ohrenschmerzen, das war ja soweit eine ganz klare Beweisführung. Ins Zelt mochte er daher vorerst nicht wieder, da war ihm seine Gesundheit doch lieber. Die Herzdame knurrte bei dem Test nach dreißig Minuten Ruhezeit über harte Unterlagen, die Enge im Schlafsack, die Luft und Gott weiß was, wer mag da schon zuhören. Ich lag schweigend neben Sohn II, der das Zelt toll fand, genau wie ich.

Ich beschloß, abends auf jeden Fall im Zelt zu schlafen, immerhin war es draußen deutlich wärmer geworden. Selbst wenn es auch nachts regnen sollte, würde es sicherlich nicht besonders kühl werden, alles kein Problem. „Ich geh mit Papa ins Zelt“, sagte Sohn II und nahm energisch meine Hand. „Nur Du und ich“ sagte er, mit einem sehr gewinnenden Lächeln. „Ganz genau“, sagte ich und rief der Herzdame ein siegesgewisses „1:1“ zu. Es schien mir möglich und wahrscheinlich, in Kürze in Führung zu gehen.

Die Herzdame sah sich derweil auf meiner neuen Kamera die Bilder an, die ich am Vormittag von ihr gemacht hatte und nörgelte daran herum. Ich erklärte ihr, dass auch die beste Kamera gewisse Motive nicht retten könne, nahm ihr den Apparat ab und ging mit Sohn II die Zeltleinen noch einmal stramm ziehen. Die Stimmung in der Familie wirkte eh nicht mehr besonders ausbaufähig, das gab den Dialogen ganz neue Freiheiten.

Zwischendurch regnete es, dann schüttete es, dann gewitterte es. Zwischen den Platzregenvarianten schauerte es ein wenig. Ich sah ab und zu ins Zelt, alles trocken, alles wunderbar. Das hatte ich sehr gut gekauft, Aber ich kenne mich ja auch aus.

Am Abend fragte die Herzdame Sohn II, ob er wirklich, wirklich bei mir im Zelt schlafen wolle. Der sagte ja, nur Papa und er. Und zeigte aufs Zelt.

Ich ging mit ihm ins Zelt, legte ihn hin und stopfte ihn in einen Schlafsack, er grinste breit und schlief zwei Sekunden später ein. Wurde doch noch einmal kurz wach und lauschte. Vor dem Zelt schwere Schritte, ein tiefes Brummeln und lautes Atmen, das war ein Wildschwein oder Opa auf einem letzten Kontrollgang im Garten. Minuten später seltsame Schreie im Gebüsch neben uns, ein aufgeregtes Fauchen und das Geräusch brechender Zweige, das war das gefürchtete Grüffelo oder nur die Familienkatze, die sich mit einem Nachbarkater prügelte. Ich erklärte dem Kleinen die Geräusche, er schlief beruhigt wieder ein. Sanft streichelte ein kleiner Schauer über die Zeltplane hinweg. Es roch nach Gras und nach Acker, dann sang ein paar Meter weiter tatsächlich eine Nachtigall, das hatte ich seit langer Zeit nicht mehr gehört.

Sohn II und ich schliefen Arm in Arm, bestens und lange.

Camping ist toll.


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