Übrigens…

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herzlichen Dank an die Leserin Petra S. aus Dings für diese äußerst sinnigen Geschenke!

Für eine Handvoll Mais

Sohn II kramt in Opas Werkstatt, einem der besten Plätze auf der Welt, denn hier darf er ganz allein mit dem großen Werkzeugsortiment machen, was immer möchte. Wir gehen nur nachsehen, wenn er nach Fehlgriffen sehr laut schreit, ansonsten baut er vor sich hin, sägt, hämmert, nagelt, bohrt, es ist eine Art Paradies für ihn. Schließlich kommt er wieder heraus, spinnwebbedeckt und sehr dreckig, er hat lange in allen Ecken und Kisten nach etwas gesucht und es endlich gefunden. Die Spielzeugkettensäge, die so infernalische Geräusche von sich gibt und deswegen regelmäßig von irgendeinem entnervten Erwachsenen  im hintersten Winkel versteckt wird. Das beste Spielzeug überhaupt. Sohn II geht über den Hof, breitbeinig, entschlossen, man sieht gleich, dass ein Heldenauftritt unmittelbar bevorsteht.

In die untergehende Sonne geht er, und die Kettensäge schleift dabei ein wenig über den Boden und wirbelt Staub auf. Unwillkürlich denkt man an Django und hat sofort den entsprechenden Soundtrack aus Italo-Western im Kopf. Sohn II ist barfuß, aber seine Füße sind so schwarz, dass man auf den ersten Blick meinen könnte, er hätte Schuhe an. Er schiebt die Schirmmütze höher in die Stirn und bleibt dann vor dem Maisfeld stehen. Fasst die Kettensäge fester, stemmt die andere Hand in die Hüfte, besinnt sich etwas vor der Front. Der Mais ist ungefähr dreimal so hoch wie er, er wirft einen beeindruckenden tiefschwarzen Schatten vor dem Sonnenuntergang. Eine gewaltige Maisarmee, endlose Reihenstehen da stramm.  Sohn II legt den Kopf in den Nacken und guckt an den Stangen nach oben, die sind wirklich verdammt hoch. Er guckt nach links und nach rechts am Acker entlang, das Maisfeld ist riesig, kein Ende zu sehen. Wenn er es zu Fuß umrunden wollte, er wäre vermutlich stundenlang unterwegs. Tausende und Abertausende von Stangen, alle schon dick wie seine Arme, dicht an dicht.

Sohn II zieht sich die Ärmel hoch, und dreht sich langsam zu den Erwachsenen um, die ganz da hinten auf dem Hof sitzen und ihm aus der Ferne zusehen. Er winkt lässig, drückt den Knopf, mit dem der Spielzeugkettensägenlärm beginnt und brüllt laut über das Rattern hinweg:

„Ich fang hier vorne an!“

 


Verhandlungssache

Normalerweise ist es nicht gerade schwer, ein dreijähriges Kind ein wenig zu manipulieren. Ein verlockendes Ziel hier, ein eher unangenehmes Szenario da, schon pegelt sich das Kind in der gewünschten Richtung ein, ganz ohne Streit und wirklich finstere Tricks. Das klappt fast immer, denn Kinder haben riesige Wünsche und große Ängste, daher gehen fast alle Eltern mehr oder weniger bewusst bei etlichen Themen so vor, besonders wenn es um wichtigere Wendepunkte im Leben der Kinder geht. Etwa um das endgültige Abgeben des Schnullers.

Ist der Schnuller weg, dann kommt die Schnullerfee und bringt ein Geschenk. Ich weiß gar nicht, wo diese seltsame Tradition herkommt, in meiner Kindheit gab es das jedenfalls nicht, soweit ich mich erinnere. Ich habe von der Dame jedenfalls noch nie etwas gehört, bevor ich eigene Kinder hatte. Die Zahnfee, ja, die war mir bekannt, die Schnullerfee musste ich mir erst erklären lassen. Wobei es nicht sehr viel zu erklären gibt, denn keiner hat sie je gesehen. Aussehen, Wohnsitz, Abstammung – keine Ahnung. Sie kommt nachts und bringt ein Geschenk, fertig. Wie sie das anstellt, woher sie weiß, wo sie hinmuss, ob sie Vorgesetzte hat oder Hilfskräfte – alles rätselhaft. Die Schnullerfee, das unerforschte Wesen. Auch die Wikipedia weiß wenig zu dem Thema, sie kennt nur Schnullerbäume, die aus Dänemark stammen. Da hängt das Kleinkind dann tapfer seinen Schnuller dran. Und da der Baum auf einer Wiese steht, wird es dabei noch an die Natur herangeführt, das steht auch so in der Wikipedia, ganz im Ernst. Was wieder beweist, dass man da den größten Unsinn ungestraft hineintexten kann. Und da steht übrigens noch, dass sowohl beim Schnullerbaum als auch bei der  Schnullerfee die Freiwilligkeit der Abgabe im Vordergrund steht, was natürlich ebenfalls barer Unsinn ist. Kein Kleinkind gibt seinen Schnuller freiwillig ab, sondern nur der Not gehorchend. In der Regel entsteht diese Not, weil der Wunsch, den die Schnullerfee zu erfüllen vermag, irgendwann größer wird als die Notwendigkeit, den Schnuller noch zu behalten. Kinder können an Wünschen leiden wie an realen Krankheiten oder an Hunger und Durst, der Druck, der durch einen erfüllbaren Wunsch ausgelöst wird, ist wirklich enorm. Der Tausch Schnuller gegen Geschenk geht meist nicht ohne Tränen über die Bühne und entspricht daher nicht exakt meiner Definition von Freiwilligkeit, aber egal. Darum geht es nicht.

Normalerweise, um auf den Anfang zurückzukommen, ist es jedenfalls nicht schwer, ein dreijähriges Kind ein wenig wohlmeinend zu manipulieren. Es sei denn, es hat ein Ego wie Sohn II.

Ihm ist die Schnullerfee schon eine ganze Weile bekannt, nur hat er bisher ungewöhnlich verhalten auf ihr verlockend simples Angebot reagiert. Sein erster Verhandlungsansatz war dann, nach sehr langem Nachdenken, dass sie seinen Schnuller sehr wohl haben könne – wenn sie ihm denn einen neuen bringen würde. Und zwar einen mit Kette dran, damit er danach nicht etwa noch einmal abhandenkommen kann. Ein intelligenter Vorschlag, keine Frage. Wir haben das eine Weile auf sich beruhen lassen, früher oder später hat nämlich jedes Kind einen wirklich großen Wunsch. Nur ab und zu haben wir nachgefragt, wie nebenbei, abends am Bettrand.

Der zweite Verhandlungsansatz von Sohn II war schließlich „Ich nehme dann die Schnullerfee.“ Einer der Momente, in denen ich nicht unerheblichen Respekt vor dem eigenen Nachwuchs empfand.

Der dritte Wunsch war ähnlich trickreich durchdacht: „Dann will ich schwimmen können. Sofort.“ Denn Sohn II ist kein Freund des Wassers, aber sein großer Bruder kann schon schwimmen und tauchen, das wurmt ihn sehr. Und wenn die Schnullerfee etwas draufhat, dann muss ja so etwas auch gehen, hm? Es wird doch nicht nur um auspackbare Geschenke gehen? Andere Wünsche gehen doch sicher auch? Gehen nicht? Ach. Kann wohl doch nicht so viel, die Dame. Plöde Fee. Ja, mit P vorne, das muss so, bei ihm.

Neulich sah Sohn II dann endlich auf dem Spielplatz einen Bagger, den er gerne haben möchte. Es ist gar nicht einfach, ihn bei einem Wunsch zu erwischen, denn durch den großen Bruder ist alles Wichtige immer schon da. Aber dieser Bagger! Der wäre was. Groß, gelb, sehr echt aussehend. Mit Bauarbeiter dabei. Die vierte Verhandlungsrunde schien endlich einfacher auszufallen zu können.

Und Sohn II lag im Bett, den Schnuller in der Hand und dachte verbissen nach. Lange. Ich saß an der Bettkante und habe das Modell Schnullerfee noch einmal ausführlich und anschaulich erklärt und er hörte sehr ernst zu. Dann steckte er schließlich grinsend den Schnuller in den Mund und streckte sich gähnend. Ich sah ihn verblüfft an. Er nahm den Schnuller noch einmal heraus und erklärte mir feierlich das Ergebnis seiner ausführlichen Grübeleien:

„Ich warte lieber auf den Weihnachtsmann. Für den muss man nichts machen.“