Im Gegensatz zu mir gucken die Söhne gerne Fußball. Dass sie davon noch nicht viel verstehen, das macht nichts, es sind eben noch Kleinkinder. Sohn II mag das Gebrüll der Fans, Sohn I schläft gerne beim Gemurmel des Kommentators ein, es ist für jeden etwas dabei. Sohn I hat durch die EM immerhin endlich einen reellen Berufswunsch, er möchte jetzt nämlich Schiedsrichter werden. Auf Nachfrage, wie er zu dem Wunsch kommt, hat er mir erklärt, dass der Schiedsrichter nicht so viel machen muss wie die anderen, trotzdem immer dabei ist, etwas bestimmen kann und in seinen schwarzen Sachen cool aussieht. Das ist soweit vollkommen nachvollziehbar, finde ich.

Als Sohn I auf meinem Computer Filme über Orchester gesehen hat, ließ er sich von mir die ganzen Instrumente erklären. Dabei entdeckten wir erstens faszinierend vielfältige Formen in der Flötenfraktion und zweitens bedeutende Bildungslücken beim Vater. Der Sohn sah sich alles en detail an, im Standbild und in der Bewegung, und stellte dann fest, er könne doch auch bei einem Orchester Schiedsrichter werden, wobei er auf den Dirigenten zeigte. Den Mann in Schwarz, der nicht viel macht, fast nur herumsteht, trotzdem immer dabei ist, etwas bestimmen kann und irgendwie sehr cool aussieht. Ich klärte ihn darüber auf, dass dieser Schiedsrichter allerdings keine roten oder gelben Karten zeigen dürfe, der Sohn fand den Beruf dennoch weiter faszinierend.

Und dann fiel es mir erst auf – natürlich eifert der Junge einfach dem familiären Vorbild nach! Auch ich trage schließlich sehr oft Schwarz und sehe natürlich cool aus. Auch ich bin immer dabei, bestimme gern alles und mache weniger als die anderen – und an diesem Punkt habe ich dann doch beschlossen, das Thema lieber noch einmal ganz in Ruhe zu durchdenken.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)


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