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Ich war ja schon damals beim Schlagermove, damals, als er noch durch kleine Hamburger Clubs gezogen ist und einen alle für komplett verrückt hielten, wenn man mit Prilblume auf der Wange ein paar Stationen S-Bahn gefahren ist. Damals, also 1997 oder so. Also lange bevor da etwa 500.000 Leute und mehr herumliefen, von denen die meisten die Songs nur noch aus den Erzählungen der Eltern oder gar Großeltern kennen und die größtenteils nicht einmal ansatzweise als textfest zu bezeichnen sind – und von denen nicht wenige schon angetrunken wirken, wenn sie nur eine Plastiksonnenblume aus der Ferne sehen. Ich bin ja sozusagen einer der ganz wenigen authentischen Besucher, ich bin Traditionswahrer, Ritualsänger und Überzeugungsdiscofoxer, so als Kind der Sechziger und Siebziger.

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Und es ist natürlich in einem gewissen Sinne eine bittere Erfahrung für mich, den Schlagermove heute mitzuerleben. All die Leute, die in modischer Verwirrung irgendetwas in grellen Neonfarben tragen, all die Menschen, die Jägermeister-Orange für die einzige echte Farbe der Siebziger halten, all die Menschen, die Red-Bull-Wodka mit einem Getränk der Vätergeneration verwechseln. Das ist alles sehr enttäuschend, das Ganze ist doch insgesamt verdächtig nah an den Karneval gerückt. Sturzbesoffene Massen, die grölend auf den Zug warten, taktlos schunkelnd, während von den ersten Wagen Kamelle geworfen werden, wer möchte so etwas sehen? Also außerhalb von Köln? Und wer möchte das riechen müssen, wie das Straßenbegleitgrün auf Sankt Pauli im Urin ertrinkt, wer möchte das miterleben, wie sich alle paar Meter jemand übergibt, weil Sekt bei Sonnenschein nun einmal nicht jedermanns Sache ist?
Nein, das ist alles sehr abstoßend und es gibt wirklich nur noch einen einzigen guten Grund, dort hinzugehen. Das ist allerdings fast ein zwingender Grund, der jedem unmittelbar einleuchten wird: Nämlich die stets geschmackvoll ausgewählte Musik, welche die Veranstaltung begleitet.


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