Vor vielen Jahren bin ich einen ganzen Sommer lang in einem winzigen Kaff im Lauenburgischen jeden Morgen in den Zug nach Hamburg gestiegen. Damit meine ich nicht die Kleinstadt, die ich in meinem letzten Buch „Marmelade im Zonenrandgebiet“ beschrieben habe,  hier ist noch eine andere Episode gemeint. Da gab es gar keinen richtigen Bahnhof, in diesem Kaff, nur einen eher schlecht befestigten Streifen neben dem Gleis, und auch der war nur teilweise gepflastert.  Ansonsten festgetretener Sandboden und Kieswege, die bei Regen schnell zu Schlammpisten wurden, man musste dann große Sätze über die Pfützen machen und oft genug ging das schief, so dass man ziemlich dreckig in den Zug stieg.  Anzugträger, die bis Hamburg an ihren Hosenbeinen und Schuhen herumkratzten.

Zwei, drei Laternen am Gleis, eine Werbetafel  und ein Ortsschild, das war alles. Gleich dahinter Felder, Äcker, Hecken, nichts als Land, kilometerweit. Gar nicht viel weiter Richtung Osten war schon Mecklenburg, da war erst recht nichts. Das Dorf war auch für ein Dorf eher sehr klein, eigentlich unerfindlich, warum hier überhaupt ein Zug hielt. Nur wenig Menschen stiegen in diesen Regionalzug. Man sprach nicht miteinander, während man da morgens stand und wartete, man sah nur in die Gegend, die immerhin äußerst grün und nett anzusehen war.  Irrsinnig lauter Vogelgesang aus den Büschen, oben die Lerchen, weiter hinten manchmal ein Hase oder ein Reh im Feld.  Ameisen trugen in hektischer Parade Krümel quer über den Bahnsteig, da konnte man zusehen, während  man herumstand, viel mehr passierte nicht.

Das Dorf hieß Müssen, ein merkwürdiger Name für eine Ortschaft, jedenfalls aus heutiger Sicht. Tatsächlich ist das Wort aber aus dem Slawischen abgeleitet und hieß einmal so viel wie Sumpfloch, daher passte das dann doch. In dieser Gegend gibt es viele Ortsnamen aus dem Slawischen.

Der Zug kam jeden Morgen ziemlich pünktlich heran und hielt quietschend, die Türen schwangen auf und ein Knacken kam aus den Lautsprechern am Laternenmast. Dann folgte eine automatische Durchsage, an jedem Morgen derselbe Text: „Müssen, Müssen, hier ist Müssen.“  Ich stieg ein und fuhr nach Hamburg, ins Büro.

Das ist lange her und ich bin mit  meinem täglichen Job viel zufriedener als viele Menschen, die ich so kenne – aber ich denke immer noch jeden Tag, wenn ich morgens an meiner S-Bahn stehe: „Müssen, Müssen, hier ist Müssen.“


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