Tja.  Schwer zu sagen. Einerseits: Großartiges Buch über die Welt der Lehrer in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Kempowski kannte sich da aus, er war selber Dorfschullehrer, und das zumindest in den Anfangsjahren mit einiger Überzeugung. Was er in diesem Buch beschreibt, den seltsamen Berufsanfang eines nicht mehr ganz jungen Mannes, der als Lehrer, Schulmeister möchte man fast eher sagen, in ein kleines Dorf in Norddeutschland kommt und ohne viel Vorbereitung plötzlich Unterricht aus dem Hut zaubern soll, das ist glänzender Geschichtsunterricht. Der Lehrer bezieht das Schulhaus in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem jeder ihn mit dem vorigen, schwer versoffenen Lehrer vergleicht, in dem sich jeder fragt, wie sich dieser unbeweibte junge Mann denn in dieser Umgebung wohl jemals zu einer Frau verhelfen wird. Kein Schritt unbeobachtet, kein Gespräch ohne Zuhörer, kein Treffen ohne Mitwisser. Die Dorfatmosphäre ist amüsant und genau beschrieben, die beruflichen Umstände mit einiger Sicherheit wahrer, als einem aus heutiger Sicht lieb sein kann. Ich bin selbst Kind dieses Jahrzehnts, ich kenne diese seltsamen Typen noch, die damals an Grundschulen Dienst schoben, das kommt mir alles sehr treffend vor. Schon für die Schulbeschreibungen lohnt sich das Buch allemal. Sicher ganz besonders für Menschen meines Alters, aber auch Jüngere dürften vielleicht Interesse an der Beschreibung eines Schulalltags haben, in dem der Lehrer noch Schläge austeilte, weil die Eltern es von ihm erwarteten. Das ist keine hundert Jahre her, das fühlt sich nur so an. Ein Schulalltag, in dem man mit den Kollegen über die Erinnerungen an Nazizeit redete, den Typen aus dem Weg ging, die bei der SS waren und Mühe hatte, das Völkische endlich ganz aus dem Lehrplan verschwinden zu lassen. Und in dem man bei den Bundesjugendspielen heimlich große Mengen Schnaps tankte, im stillen Einvernehmen mit dem pegeltrinkenden Kollegium. Es steht keine Silbe über die Achtundsechziger in dem Buch, aber das revolutionäre Geschehen in den großen Städten erklärt sich eben auch aus solchen Werken über die stehengebliebene Zeit in den Dörfern. Und nicht einmal schlecht.

Andererseits: Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, in dem ich über so viele Deutschfehler gestolpert bin. Oder sagen wir nicht Fehler, sagen wir seltsame Konstruktionen. Denn die Zeitenfolge zum Beispiel, die bei Kempowski in der indirekten Rede möglich ist, die liest sich schon sehr seltsam. Ich bin weiß Gott kein Grammatikprofi, aber hier hätte sogar ich zum Rotstift gegriffen, und zwar an -zig Stellen.  Auch sonst wirkt das Buch ein wenig so, als hätte es niemand Korrektur gelesen, da sind ein paar Wechsel in der Erzählperspektive, die einen etwas ratlos zurücklassen, ein paar inhaltliche Schwächen, seltsame Zusammenhänge, schwache Wendungen – ganz eigenartig. Und dass Kempowski in geradezu peinlich wichtigtuerischer Art seine literarische Spiegelfigur Alexander Sowtschik  mysteriös auftreten lässt, ohne sie jemals zum Zug kommen zu lassen, nur einfach so, als bewunderten und geheimnisvollen Schriftsteller, der da irgendwo im Dorf wohnt, Du meine Güte. Wer seine Tagebücher kennt, der weiß, wie eitel der Herr war, es ist aber auch in den Romanen nicht zu überlesen.

Dennoch gerne gelesen, unterm Strich.

Und übrigens lange nachgedacht über das höchst bemerkenswerte Wort „Begattungsbelastungen“. Es wird in dem Buch verwandt im Zusammenhang mit einer sehr dünnen Frau. Man (also Mann) fragt sich, ob sie mit der knöchernen Figur den Begattungsbelastungen einer Ehe überhaupt standhalten wird.  Das war also zu einer Zeit, bevor die ganze Welt halbverhungerte Models angebetet hat, als an einer Frau noch etwas dran sein musste und das Magere verdächtig war, nach Hunger aussah und nach unerfreulichen Erinnerungen. Und zu einer Zeit, versteht sich, in der man bei Sex noch nicht an einvernehmlich dachte.

Lange nachgedacht, wie gesagt, über die Verwendung des Begriffs, aber auch über die Frage, wie ich das Wort bei Gelegenheit in den aktiven Sprachgebrauch übernehmen kann. Leider noch keine Lösung gefunden.

Aber irgendwie ist es doch schade um den großartigen Begriff.  „Begattungsbelastungen.“ Schon schön, nicht wahr.


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