Ich habe heute im Radio etwas zu Hermann Hesse erzählt, also zu einem Dichter, für dessen Werk ich schwerlich als Experte oder auch nur intimer Kenner gezählt werden darf.  Aber ich war vom NDR nun einmal eingeladen worden, und als höflicher Mensch sage ich so etwas ja nicht ab. Der Moderator begann das Gespräch mit den Worten „Sie als Vertreter der jungen Generation…“ und hat nicht recht verstanden, wieso ich da lachen musste. Aber egal, meine Bücher stehen bei Thalia ja auch unter „Junge Literatur“, ab und zu gehe ich da tatsächlich vorbei und sehe mir das an, dann spüre ich gleich wieder mehr Spannkraft in den alternden Muskeln und brauche überhaupt keinen Sport mehr.

Ich habe, in meiner Eigenschaft als Vertreter der jungen Generation – ich sehe mich förmlich mit der Jugend hausieren gehen – ich habe gesagt, dass ich Hesse seit meiner Jugend nicht mehr gelesen habe, und dass das wohl ziemlich vielen Menschen so geht, den Hesse lässt man nach der pubertären Lektüre erst einmal ziemlich lange liegen, und an der Stelle fand der Moderator es wiederum amüsant, dass ich meine Jugend als „schon länger her“ empfand. Mir schien er wiederum gar nicht so viel älter als ich zu sein, wir fanden da altersmäßig nicht recht zueinander. Zwei angegraute Männer, die sich gegenseitig das Alter absprechen, daraus hätte man auch schon eine Stunde Comedy machen können, wir wollten aber eigentlich nur fünf Minuten mal eben über Hesse sprechen. Also ich sollte hauptsächlich ein, wie sagt man in Vertreterkreisen, Anekdötchen verbreiten, von welchem der Moderator im Vorwege Kenntnis hatte. Und ich habe es tatsächlich noch nie im Blog oder in einem Buch erzählt, was ich jetzt umgehend für all die ändern werden, die mich nicht vorhin zufällig im NDR (90,3) gehört haben.

In der gymnasialen  Oberstufe besuchte ich nicht etwa den Leistungskurs Deutsch, denn da hätte ich ja beweisen müssen, dass ich davon etwas verstand, sondern ich verlegte mich auf wesentlich simplere Fächer. Ich bastelte mir aber recht erfolgreich ein Image als Nachwuchsdichter und kommendes Künstlergenie, ohne dies auch nur ansatzweise mit irgendeiner Produktion unterfüttern zu können. Ich hatte immerhin eine Schreibmaschine und ließ mich gerne dahinter fotografieren, während ich sinnend und todernst auf die Tasten starrte. Ich las Hemingway und Bukowski und hämmerte alle paar Tage einen kernigen Satz in die Maschine, kam aber leider über snoopy-hafte Romananfänge nie hinaus.  Nach den ersten paar Zeilen gab ich es regelmäßig wieder auf und malte lieber weiter schlechte Bilder, denn auch mit schlechten Bildern konnte man Mitschüler, die überhaupt nicht malen konnten, schon ganz gut beeindrucken, mehr als mit abgerissenen Romananfängen jedenfalls. Den Hauptzweck der Übung, attraktive Mitschülerinnen zu beeindrucken, den erfüllten beide Kunstfelder nicht so recht, aber für die Erkenntnis brauchte ich etwas länger. Für die Erkenntnis, nicht einmal ansatzweise ein Genie zu sein, allerdings auch.  Dem Jugendlichen, der ich damals war, würde ich heute nicht unbedingt begegnen wollen, wenn ich es recht bedenke.

Einmal bat mich ein Schüler aus dem Leistungskurs Deutsch, seine Hausaufgaben zu verfertigen, es ging um einen Aufsatz mit ausführlichen Naturbeschreibungen. Der Mitschüler hatte dank seines Elternhauses Geld wie Heu und bot mir eine interessante Summe, für die ich sofort ja sagte.  Ich hätte aber auch schon wegen meines Rufes gar nicht nein sagen können, hier musste jetzt sofort etwas bewiesen werden. Die anderen Schüler aus dem Kurs wussten schon, dass ich diesen Auftrag bekommen hatte, es gab einfach kein Entkommen mehr. Da ich aber weder eine Idee, noch einen Stil, eine Technik, oder auch nur eine blasse Ahnung von irgendetwas hatte, hielt ich mich an Größere und blätterte mich durch die Hesse-Gesamtausgabe. Ich suchte mir ein paar Stellen heraus, in denen es um schlechtes Wetter und Gewitter ging und häkelte diese mühsam zusammen, so dass sie in etwa eine Geschichte und einen Sinn ergaben. Wobei mir einfällt, dass man damals noch nicht online nach Textstellen suchen konnte, man war also viel besser und schneller im Querlesen als heute. Womöglich ist gar eine aussterbende Kulturleistung, viele Bücher flott und quer lesen zu können. Ich übergab den Aufsatz rechtzeitig vor der nächsten Stunde des Kurses und erhielt auch den vereinbarten Lohn. Das Geld für den Aufsatz war nicht mein erstes Einkommen, denn das habe ich, wie in meinen Büchern beschrieben, tatsächlich eher mit Betrug  und Diebstahl verdient, aber dieses Geld für die Hesse-Fälschungen passte natürlich ganz gut in diese moralisch höchst zweifelhafte Reihe.

Der Deutschlehrer kommentierte den Aufsatz damals übrigens mit einer sehr energisch geschriebenen roten Randbemerkung an den Hesse-Passagen: „Zu dick aufgetragen!“

Und das kann man als literarisches Urteil zumindest für die romantiknahen Anfänge von Hesse wohl auch so stehen lassen. Was die junge Generation aber tatsächlich von Hesse hält – ich habe nicht die leiseste Ahnung.


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