Dagebüll, das ist ganz oben im Norden, schon viertel vor Dänemark, in der Nähe von Amrum und Sylt, das wird den meisten sicher etwas sagen. Nur liegt es auf dem Festland, gleich hinterm Deich. Da waren wir ein paar Tage, weil wir die Ecke da oben noch nicht kannten und weil wir endlich einmal auf eine Hallig wollten, wer will denn mit solchen Bildungslücken leben. Wir haben für die Saison viel zu spät gebucht, deswegen haben wir keine großartige Unterkunft mehr bekommen. Frei war nur noch eine Ferienwohnung im typisch provinzdeutschen Ausstattungshorror, in dem ich immer leichte Beklemmungen kriege. Man merkt immerhin, wie abhängig man doch von gewissen Interieurfragen ist, das ist auch interessant. Aber – zehn Minuten verbiestert gucken, dann merken, welche seltsamen Luxusprobleme man hat, tief durchatmen, und dann geht es stoisch weiter. Für drei Nächte ist die Wahl der Gardinen (Gardinen! Waah! Meine Augen!) natürlich auch vollkommen egal. Eine Ferienwohnung auf einem Hof also, allerdings kein Bauernhof mit Viehbestand. Nur ein Hof mit zwei dicken Hasen im Garten. Hey, Tiere, super.

Nebenan gibt es Pferde, immerhin.

Während man im Urlaub normalerweise von irgendwelchen zirpenden Empfangskräften begrüßt wird, die einen willkommen heißen, die Unterkunft erklären und einem die Zimmer zeigen, steht hier ein Bauer im Türrahmen und sagt, nachdem man ihn lange genug erwartungsvoll angesehen hat: „Moin.“ Dann geht sein Blick ins Leere, mehr gibt es erst einmal nicht zu sagen.

Wir sagen, wer wir sind, dass wir bei ihm ein Zimmer gemietet haben. Der Bauer sagt „Jo“ und zeigt mit dem Daumen hinter sich, ins Haus. Nordfriesen unterscheiden sich bis dahin sprachlich nicht von Nordostwestfalen, erst wenn sie ganze Sätze sprechen merkt man, dass ihr Platt doch irgendwie sehr anders klingt. Mit anderen Worten, man merkt es nicht. Am frühen Morgen sind solche Menschen ganz fraglos die ideale Gesellschaft.

Wir fragen, ob wir am nächsten Morgen Brötchen bekommen können, in dem Werbematerial zum Hof stand so etwas, das geht doch, ja? Oder? Können wir sechs Stück bekommen, gemischte womöglich, mit Körnern und ohne, auch Mohn dabei? Der Bauer guckt etwas angestrengt, diese schwatzhaften Gäste aus dem Süden machen ihn fertig. Er holt tief Luft und sagt: „Na, kiek wi mol.“

Wir schleppen unsere übliche Unmenge Gepäck ins Haus, der Bauer rückt verständnisvoll einen Zentimeter zur Seite, um uns durchzulassen. In der Ferienwohnung eine perfekt ausgestatte Küche, da steigt meine Stimmung sofort. Und wir staunen, die Wohnung ist riesig. Man sieht es eigentlich schon bei der Anfahrt: Hier hat alles Platz, hier ist alles groß. Jedes Haus, jeder Schuppen, jeder Schafstall, Quadratmeter ohne Ende. Unglaublich viel Platz. Enge ist woanders, Enge kennt man hier gar nicht. Ich habe bei einem Makler in der Nähe in den Schaukasten gesehen: Für den Preis eines mittelprächtigen Anwesens hier, mit einem aufsitzrasenmäherpflichtigen Garten und Wohnzimmer in Tanzsaalgröße bekomme ich in Hamburg Mitte etwa genug Fläche für einen Einbauschrank. Es ist vollkommen absurd.

Ich finde abends neben dem Bett Werbung für das Klinikum Nordfriesland und lese begeistert: „Wi hölpen bi de Pump, bi Buukweh und sünstige Wehdaag.“ Da fühlt man sich doch gleich gut aufgehoben und geborgen, wenn man in der Nähe von so einem Klinikum schläft, da lauscht man versonnen eine Weile auf die eigene Pump und liest weiter: „Mut mal wat opereert warn, hebbt wi Dokters mit scharpe Mess“. Das klingt fast schon verlockend. Wenn meine Schulter wieder einmal durchdreht, dann fahre ich auf jeden Fall nach Norden, ich möchte bitte in Zukunft nur noch plattdeutsch operiert werden.

„Afdeelung to Kinnerkriegen“, die brauchen wir nun nicht mehr, obwohl es fast schade ist, denn es klingt so, als wäre das Kinnerkriegen hier wesentlich einfacher als in einer Gynäkologie. „Wo ist ihre Frau?“ „De kriegt Kinners“. „Na, denn man to.“

Und die „Afdeelung to Bloodwaschen“ erst – das klingt doch ganz so, als würde man sich danach endlich wieder aprilfrisch fühlen.

Danach kommt der Knaller des Angebots: „Wi könnt di uck in de Röhr schuben un dörch di dörchkieken.“ Was Nordfriesen können, das können nur Nordfriesen. Man stellt sich den Chefarzt vor, wie er sinnend die Bilder betrachtet, die ihm vorliegen, nachdem der Patient in der Röhre war. Er kratzt seinen Bart und fasst die Diagnose murmelnd mit all der Erfahrung langer Berufsjahre zusammen: „Jo“.

Ich würde das der Schwarzwaldklinik jederzeit vorziehen, so viel steht fest.

In Kürze hier weiter im Text mit: Hallig Hooge. Na, kiek wi mol.


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