Während man beim ersten Kind noch in den ersten drei Jahren jedes neugelernte Wort feiern möchte und jeden kleinen Fortschritt in der Grammatik euphorisch im Bekanntenkreis diskutiert, fallen einem zweite Kinder irgendwann dadurch auf, dass sie einfach reden. Und man spricht mit ihnen, gibt Antworten, erklärt etwas, hört auf Fragen und steht dann plötzlich gedankenverloren neben dem Kind und fragt sich leise: „Mit wem rede ich hier eigentlich? Konnte der nicht neulich noch nur Dada sagen?“

Mit anderen Worten, auch mit Sohn II kann man natürlich schon längst diskutieren. Mit Sohn I schon richtig lange, aber erst seit ein paar Wochen bemerke ich immer stärker den verstörenden Umstand, dass beide Kinder tatsächlich unentwegt reden.  Dass tun sie wahrscheinlich schon länger, aber manchmal braucht man eben eine Weile, bis es einem auffällt.

Sie reden also beide. Den ganzen Tag. Miteinander, mit mir, und mit allen möglichen Menschen. Mit Steinen, Vögeln, Hunden, Wolken und Vampiren. Mit Gespenstern, mit Monstern, mit Motorrädern, mit Karies und Baktus. Mit den Bananen auf dem Tisch und mit der Puppe, die jeden Tag einen anderen Namen hat, und wehe man nennt den falschen.  Heute hieß sie Tristan, aber egal. Wer morgen früh Tristan sagt, wird mit Wutausbrüchen nicht unter 30 Minuten bestraft.

Sie reden also beide und sie reden gleichzeitig. Immer. Und nonstop. Vergleichsweise häufig verlangen sie eine Antwort oder irgendeine andere Reaktion. Wenn Sie keine Kinder haben, werden Sie das vielleicht nicht kennen, aber Sie werden sich in meine Lage leicht einfühlen können, wenn Sie kurz folgende Versuchsanordnung aufbauen möchten: Stellen Sie ein Radio links und eines rechts von sich auf. Verdrehen Sie dann bei beiden gleichzeitig langsam die Sender, so dass Sie im Prinzip nur mehr oder weniger sinnlose Brocken  aus beiden Richtungen wahrnehmen können. Versuchen Sie, auf möglichst viele Brocken logisch korrekt zu reagieren. Singen Sie Lieder weiter, kommentieren Sie den Wetterbericht, beantworten Sie Quizfragen, lachen Sie über seltsame Namen, fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. Sie haben für jede Reaktion eine Sekunde Zeit. Machen Sie das zehn Minuten und stellen Sie sich dann vor, Sie müssten es zum Beispiel ein ganzes Wochenende tun. Behandeln Sie Eltern fortan mit Respekt und Nachsicht.

Gestern ging ich mit den Söhnen zur Bücherei, ich hatte Sohn II auf der Schulter, er sprach mir von da aus bequem direkt ins Ohr, das er mit einer Hand nach oben bog. Ich hatte  Sohn I an der Hand, an der er fortwährend mit seinem ganzen Gewicht zog, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu gewinnen. Man kann zwei Kindern nicht zugleich zuhören, es ist beim besten Willen nicht menschenmöglich, dem endlosen überkreuzten und heillos verflochtenen Singsang genug Sinn abzugewinnen, um beiden gerecht zu werden.  Ich habe aber während dieses Weges das Essen für die nächsten Tage geplant, mit der Herzdame telefoniert, diesen Blogeintrag konzipiert und über eine noch zu schreibende Kolumne nachgedacht. Ich habe mich per SMS verabredet, zwei Touristen den Weg erklärt und auch noch permanent links und rechts irgendwelche Antworten in Richtung eines Kindes gegeben. Das Büro rief zwischendurch wegen einer Softwarepanne an und eine ältere Dame erklärte mir ungefragt, wo meine Kinder bei der Ampel hingucken müssten.

Ich habe mich verändert, dachte ich zwischendurch, mein Hirn hat sich irgendwann angepasst. Ich bin schon längst ein geistiges Zweistromland geworden. Links und rechts strömt es endlos ergiebig an mir vorbei, und in der Mitte ist es fruchtbar, aus mir wird doch noch eine Hochkultur. Im Grunde kann ich überhaupt nur noch schreiben, weil ich langsam verrückt werde, das wird es sein.  Ich versuchte, den Gedanken festzuhalten, ich sagte „Nächste Woche“ und „Zwölf“ zu den Kindern, damit sie endlich einmal Ruhe gaben. Beide Antworten waren vollkommen wahllos, manchmal kommt man damit durch, manchmal nicht. Die Kinder sahen mich ratlos an, holten Luft und öffneten die Münder.  Ich legte nach und sagte zu dem einen „Der Herbst“ und zu dem anderen „Mit Wurst“, da nickten beide zufrieden und schwiegen lange, also bestimmt zwei Minuten. Manchmal  muss man einfach ein wenig Glück haben. „Man redet irgendwas und schon wird alles gut“, um einmal Herman van Veen zu zitieren, ich lasse hier ja bekanntlich keine Peinlichkeit aus.

Ich blieb stehen und tippte „Zweistromland“ als Notiz ins Handy, während mich Sohn II fragte, ob er auf meinem Handy etwas ausmalen könne und Sohn I einfiel, dass er einmal die Herzdame anrufen könne. Dann haben sie sich um das Handy geprügelt, aber die Notiz war gespeichert.

Heute Mittag hatte ich ein berufliches Treffen, es ging um das Schreiben und ich wurde gefragt, wie ich denn bei Mehrfachbelastung mit mehreren Berufen und Kindern überhaupt noch schreiben könne. Ich hoffe, ich habe es ein wenig erklärt.


 

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