Ein Mann kann seinen Söhnen nicht für alles Vorbild sein, jeder hat irgendwo seine Lücken. Ich als Hanseat bin z.B. eher nicht der wilde Partylöwe, ich stehe auch bei bester Musik nur dezent am Rand und wippe äußerst diskret mit dem Fuß. Wenn es gerade keiner sieht. Kann man seinen Kindern so Freude am Tanz vorleben? Wohl kaum. Und ist Tanz nicht aber ein prima Mittel, um Lebensfreude auszudrücken, gute Laune und reinen Überschwang? Doch, die Theorie geht so.

Also fahre ich mit den Söhnen bei jedem nur denkbaren Fest zu den Großeltern aufs Dorf, denn dort wird bei Feiern noch wild getanzt, das sollte ihnen gut tun. Dachte ich. Der Opa war früher jahrelang DJ, der kennt sich aus mit Partymusik, wenn der auflegt, dann bleibt auch heute noch so leicht keiner sitzen. Keiner, außer mir und den Söhnen jedenfalls. Die haben ihr väterliches Vorbild nämlich schon zu lange studiert, stehen eisern am Rand und sehen stoisch den Nachbarn beim wilden Rundtanz zu. Gelegentlich kommentieren sie spöttisch die Tanzkünste der Gäste – mehr läuft da nicht. Wir waren in diesem Sommer daher noch öfter als sonst bei den Großeltern, das musste doch irgendwann einschlagen, diese ausgelassene Lebensart auf dem Land? Nein, nichts zu machen. Die Söhne rühren weiter kein Bein, keinen Arm.

Allerdings singen sie neuerdings unaufgefordert, sobald sie eine Menschenmenge als mögliche Party deuten, also bei jedem geselligen Beisammensein, es kann sich dabei auch um die Warteschlange beim Bäcker handeln. Sie singen laut und lange, ganz so wie sie es bei Opa gelernt haben. Sohn I singt besonders gerne und verblüffend textfest „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, Sohn II singt in Endlosschleife den Partykracher „Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig.“

Es ist wirklich nicht leicht, die richtigen Vorbilder auszuwählen.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


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