Es regnet, es wird kälter, dunkel ist es auch noch, die Söhne spielen im Kinderzimmer friedlich mit der Eisenbahn, schon seit mindestens zehn Minuten. Sie wollen nicht nach draußen, sie prügeln sich gerade nicht. Da kann man sich also endlich wieder in Ruhe Büchern zuwenden. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich in einer der kommenden Nächte von dem einstürzenden Stapel ungelesener Bücher auf dem Nachttisch wegen einer unvorsichtigen Bewegung im Schlaf erschlagen werde. Auch der Literaturfreund lebt immer voll im Risiko.

Ich lese gerne Klassiker, das ist eine Haltung, die nicht unbedingt mehrheitsfähig ist. Ich lese sie sogar so gerne, dass es mich oft davon abhält, moderne Autoren zu lesen, schlimm, schlimm. Aber nachdem ich ein paar Jahre Leseerfahrung habe, neige ich zu der Ansicht, von den Klassikern mehr zu haben als von dem, was in den Buchhandlungen auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen liegt. Da können natürlich dennoch großartige Werke dabei sein, keine Frage. Aber wie soll man dazu kommen, so etwas mühsam herauszufinden, so lange noch etwas Fontane übrig ist? Ich finde das immer wieder nahezu unlösbar, entscheide aber im Zweifel meist für die Vergangenheit. Für Werke, die aus ihrer Zeit herausragen wie Denkmäler. In vielen Fällen tun sie das mit gutem Recht und ich möchte an einem Beispiel zeigen, wie sinnig diese Werke immer noch sind. Betrachten wir eine typische Familiensituation im Licht einiger Klassiker. Man kommt verblüffend weit damit. Und man weiß, welche Muster nicht gut ausgehen können. Und auch, dass es letztlich keine vernünftigen Lösungen gibt.

Nehmen wir an, ein Kind liegt auf dem Sofa herum, starrt auf das iPad und macht schon auf den ersten Blick einen wenig kooperativen Eindruck. Man fordert das Kind auf, das iPad wegzulegen, sich zum Abendbrotstisch zu bewegen und Schwarzbrot zu konsumieren. Das Kind sieht genervt hoch und verweigert sich. Belesene Eltern können die Arten der Verweigerung grob nach literarischen Vorbildern klassifizieren, in etwa wie folgt:

Oblomow
Das Kind guckt mäßig interessiert, nickt, sagt etwas wie „Ja, ja“ – und bleibt dann seufzend liegen. Sieht vielleicht an die Decke, das iPad ist gar nicht mehr so interessant, aber der Reiz des Schwarzbrotes andererseits ist auch nicht stark genug. Eigentlich weiß das Kind gar nicht recht, ob es wirklich Hunger hat. Immer wieder essen, muss das denn sein? Wozu? Bevor es sich an den Tisch bequemt, muss es noch eine Weile darüber nachdenken, was hier eigentlich vor sich geht, da ist auch ein wenig Müdigkeit zu spüren, und wenn man schon so günstig auf dem Sofa liegt, könnte man auch ein wenig dösen, danach hätte man womöglich auch mehr Hunger, das wäre doch praktisch. Das iPad sinkt, die Lider auch. Auf eine weitere Aufforderung der Eltern reagiert das Kind gelassen mit eine wohlig geseufzten: „Ja, gleich“. Die Eltern deuten dies als positives Anzeichen und hoffen, in einer halben Stubnde weiterzukommen: „Lass ihn mal noch einen Augenblick.“ (Iwan Gontscharow: Oblomow, erschienen 1859. Ein durch und durch wunderbarer Roman, lehrreich, herrlich und grandios niederschmetternd. Es dürfte wenig Leser geben, die sich den Fragen, die das Buch aufwirft, entziehen können.)

Hamlet
Das Kind setzt sich ruckartig auf und singt seltsame Lieder, ein wirres Gemisch aus Kindergartenliedgut und Charts. Dazu zieht es sich den Pullover halb über den Kopf und versucht, mit den großen Zehen in den Ohren zu bohren. Dabei fällt es vom Sofa, auf ein vorbeikrabbelndes Geschwisterkind, welches heulend mit Nasenbluten liegenbleibt, woran es aber, wie das Täterkind schnell erkennt, „zumindest nicht gleich sofort jetzt“ sterben wird. Auf eine weitere Aufforderung der Eltern reagiert das Kind hysterisch sinnlos mit dem Aufsagen seines kompletten Wunschzettels für Weihnachten. Dann rennt es zum Tisch und beißt in die Butter. Dabei wirft es ein Glas um, dessen Inhalt sich über die Eltern ergießt, die daraufhin aufspringen und mit den Köpfen zusammenstoßen, was einen längeren Ehekrach auslöst. (William Shakespeare: Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark, erschienen um das Jahr 1600. Eines der großen Dramen, die auch dann Spaß machen, wenn man sie zwischendurch in der S-Bahn liest. Unfassbar gut. Lohnt sich auch immer wieder im Theater.)

Bartleby
Das Kind sagt „Ich möchte lieber nicht“ und starrt weiter auf das iPad. Es sieht nicht hoch, seine Miene verändert sich nicht. Ein Kontrollblick erweist, dass das Kind auf dem iPad gar nichts macht, es liegt einfach nur da und starrt vor sich hin. Es ist nicht unfreundlich, es wirkt nicht aufsässig, es sieht aber auch nicht so aus, als würde es gleich aufstehen. Es sieht genau genommen nicht so aus, als würd es jemals wieder aufstehen. Auf eine weitere Aufforderung der Eltern reagiert es in einem faszinierend neutralen Tonfall und wiederholt: „Ich möchte lieber nicht.“ Wenn die Eltern in einem Anfall experimenteller Pädagogik beschließen, das Kind einfach liegenzulassen und nachts um drei einmal nachsehen, was aus der Situation geworden ist, liegt es immer noch da. (Herman Melville: Bartleby der Schreiber, erschienen 1853. Ein Buch, das man auch dann kennen muss, wenn man in großen Konzernen arbeitet, aus irgendwelchen Gründen Kafka ausgelassen hat oder depressiv ist.)

Kohlhaas:
Das Kind setzt sich auf, guckt finster und verweist auf seinen Bruder, der auch nicht am Tisch sitzt. Ist es zu fassen! Es erinnert außerdem daran, dass ihm schon seit Tagen Grießbrei versprochen wurde, das es am Morgen noch hieß, vor dem Abendessen solle es einen Film geben und stellt mit anschwellendem Zorn in der Stimme fest, dass sein Lieblingsteller gar nicht auf dem Tisch steht. Auf eine weitere Aufforderung der Eltern steht es wortlos auf, zieht sich an und macht Anstalten, die Wohnung zu verlassen. Nachfragen weicht es aus, man darf jedoch annehmen, dass es sich irgendwo beschweren möchte, bei den Nachbarn, in der Kita, wer weiß. Während die Tür knallt, hört man noch die Satzfetzen „ungerecht… Gemeinheit… nie wieder… mit mir nicht.“ (Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, erschienen 1808. Wer das Buch nur aus der Schulzeit kennt, sollte unbedingt einen zweiten Versuch wagen.)


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