Sohn II kannte noch keinen Zirkus, also haben wir die Gelegenheit genutzt und uns am Wochenende eine Vorstellung des Zirkus Charles Knie angesehen. Da ging ich nicht gerade begeistert hin, sondern eher in der unangenehmen Vorstellung, mich stundenlang langweilen zu müssen. Mein letztes Zirkuserlebnis ist viele Jahre her, danach habe ich so etwas nur noch eher gähnend im Fernsehen zur Kenntnis genommen, damals, als ich noch ferngesehen habe – und dann schließlich gar nicht mehr. Zirkus, meine Güte. Aber mit Kindern kommt man natürlich daran nicht mehr vorbei, Bildung besteht eben nicht nur in der frühzeitigen Heranführung an Goethe-Zitate und Star-Wars-Figuren, Bildung umfasst selbstverständlich auch Zoo und Zirkus.

Und es war gut,  es war sogar richtig gut. Ein beeindruckendes Programm, perfekt dargeboten, schnell, schön und abwechslungsreich. Das hätte mir vermutlich selbst dann gefallen, wenn ich nicht zwei ekstatische Kleinkinder dabei gehabt hätte. Es dauerte nach Vorstellungsbeginn nur etwa zehn Sekunden, bis es die Söhne nicht mehr auf den Plätzen hielt und sie der Herzdame und mir auf den jeweiligen Schoß sprangen, von wo sie dann mit aufgerissenen Augen und durchgehend offenem Mund den Rest des Programms verfolgten, hin- und herzuckend, auf- und abwippend, klatschend, jubelnd, kreischend, lachend. Und das ist dann auch ein Geschenk, wenn man so eine große, unfassbar wundervolle Angelegenheit wie einen richtig riesigen Zirkus noch einmal aus Kinderaugen miterleben kann. Wenn man sich vorstellt, man sieht zum allerersten Mal bunt gezäumte Pferde in die Manege traben, Zebras im kreisenden Galopp, Elefanten sich aufrichten, Jongleure Dinge umherwirbeln, Artisten sich verbiegen. Wenn man sich vorstellt, man würde  all das nicht bereits hundertmal, tausendmal gesehen haben, das bunte, sich verwirbelnde Licht in der Mitte der Manege, das Spotlicht, das tastend über die Zuschauerreihen kreist, die plötzliche Nachtschwärze beim Umbau. Wenn man sich vorstellt, man hätte all das noch nie gehört, was so ein Zirkus-Live-Orchester möglich macht, die fröhlichen Auftaktmelodie, die seltsamen Geräusche des Clowns, die Trommelwirbel beim Hochseildrama, die leiser und leiser werden, dann wieder langsam lauter, während oben Artisten durch die Lüfte schwingen, weit über das sichere Netz hinaus, die plötzliche atemlose Stille, während die da oben gefährliche Übungen vorhaben, während sie tatsächlich die sichere Schaukel loslassen und frei fliegen, Saltos drehend, weit, weit zum anderen Artisten, der im richtigen Moment zugreift und die Musik jubelt jäh auf und das ganze Zelt klatscht und wogt und trampelt und wenn man sich das also alles vorstellt, dann kann man sich schon fragen, wie es einen nicht schier zerreißen soll, während so einer Vorstellung, die gar kein Ende nimmt und immer noch spannender wird.  Und man denkt sich so nebenbei: „Wie kann man eigentlich so bekloppt sein, und keine Kinder haben wollen?“ Und so etwas muss man ab und zu auch denken, glaube ich, es hilft. Bei allem.

 
Und Sohn II, auf meinem Schoß, er sah nach der ersten Aufregung ein paar Minuten ganz, ganz still zu, dann nickte er, dann klatschte er, dann hopste er, dann riss es ihn plötzlich nach vorne, dann wieder unvermittelt nach hinten, dann wurde er wieder still, dann mochte er nicht hinsehen, dann wieder doch – da traten gerade die Artisten auf. Ein Mann verformte sich äußerst seltsam und eine Frau stand Hand auf ihm, in orthopädisch fragwürdiger Verflechtung, dann drehten und wanden sich beide, bis die Figur plötzlich ganz anders aussah, aber nicht gerade wahrscheinlicher, dann drehten sie sich wieder –und ich hatte plötzlich das seltsame Gefühl, kein Kind mehr auf dem Schoß zu haben, sondern so etwas wie einen sehr stark gespannten Flitzbogen. Sehr, sehr stark gespannt sogar, von Kopf bis Fuß. Und gerade als ich ihn fragen wollte, ob alles in Ordnung sei, da warf er seinen Kopf nach hinten, bog den Bauch zum Zelthimmel, tastete mit einem Fuß nach den Rückenlehnen der Stuhlreihe vor uns und streckte sich zu einer überraschend formschönen Brücke. Ein Bein weit vorne, das andere Bein zeigte elegant zum Himmel, eine Hand hielt eisern klammernd mein Bein, die andere winkte huldvoll in die verdutzten Gesichter der Menschen neben, vor und hinter uns, der Bauch immer weiter nach oben gewölbt. Ich sah ihn über Kopf grinsen, ein glückliches Kind unter der Zirkuskuppel.

Chuck Norris und Sohn II sehen sich Sachen nicht lange an. Das ist eben mehr so die Eingreiftruppe.


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