Der Mensch ist nicht nur ein allesfressendes Raubtier, er ist auch, obwohl das mehr und mehr in Vergessenheit gerät, ein schmackhaftes Beutetier. Und nur weil normalerweise keine Braunbären oder Säbelzahntiger durch unser kleines Bahnhofsviertel stromern, haben sich unsere Instinkte noch keineswegs an die entspannte Lage angepasst. Wir haben einen überaus wachen Sinn für Gefahren, wir sind ganz gut im Weglaufen – und wir haben einen faszinierend guten Instinkt dafür, wann es ratsam ist, irgendwo nicht aufzufallen. Das kommt noch aus der Zeit, als man lieber im Gebüsch blieb, statt dem wütenden Mammutbullen vor den Füßen herumzulaufen, es bewährt sich aber natürlich auch in Großkonzernen, Haushalten und auf Elternabenden. Wer nicht zu sehen ist, dem passiert auch nichts. Alte Regel, große Erfolge.

Als ich noch bei der Luftwaffe war (diesen Satz wollte ich schon seit Ewigkeiten mal irgendwo unterbringen), fasste man die Begabungen auf diesem Feld dort mit „TTV“ zusammen. Die Abkürzung ist eventuell nicht jedem geläufig, sie steht für „Täuschen Tarnen Verpissen“ und beschreibt damit recht gut wichtige Überlebensstrategien. Strategien, die jedem von uns von Natur aus sehr vertraut sind. Es ist faszinierend zu erleben, wie Kinder sich darin üben.

Sohn I muss in dieser Hinsicht als Genie bezeichnet werden. Er hat eine überragende Begabung darin, sich in Luft aufzulösen, in Nischen zu klemmen, in Ritzen zu verschwinden oder dezent in Schränke abzutauchen. Es gehört zu seinen größten Freuden, wenn man ihn entnervt in der ganzen Wohnung sucht und er kann es erstaunlich lange in winzigen Verstecken und ungesund anmutenden Körperhaltungen aushalten. Die Freude, unentdeckt zu bleiben, sie entschädigt ihn für alles.

Und er lernt immer weiter. Allmählich ahnt er voraus, wann Aufgaben bevorstehen, die wenig attraktiv sind, allmählich erfasst er sicher die besten Zeitpunkte, die Gesellschaft von Vater oder Mutter zu meiden. Und allmählich wird er ungeahnt trickreich.

Ich lag neben ihm im Bett und las vor, aus einem Buch, das er sich ausgesucht hatte. Sterbenslangweilig, grässlich illustriert, dämlich betextet, unerfindlich, wie so etwas jemals in unseren Haushalt kam. Der Sohn bestand auf dem Buch, ich gab irgendwann nach und las vor, wobei ich versuchte, den Text durch Improvisation etwas zu verbessern, man ist ja soweit bemüht, als sprachliebender Mensch. Der Sohn gähnte nach wenigen Seiten wunschgemäß, ich allerdings noch viel mehr. „Eine Geschichte noch“, murmelte er dann nach einer Ewigkeit undeutlich und ich gab nach, jetzt bloß keinen Streit anfangen, so kurz vor dem Ziel, so kurz vor dem Einschlafen. Die blöde Hauptfigur lernte also weitere blöde Nebenfiguren kennen, zog durch dümmlich bebilderte Landschaften und bestand erbarmungswürdig debile Abenteuer. Der Sohn kuschelte sich enger an mich, ich blätterte etwas vor und sah nach, wie viele Seiten noch kamen. Dann streichelte ich dem Sohn über den Kopf und richtete mich ruckartig auf. Denn da war kein Kopf. Und da war auch kein Sohn. Da war nur ein eng an mich geschobenes Kissen.

Den Sohn fand ich dann im Wohnzimmer, in der Nische zwischen Regal und Kommode, wo er unter mehreren Decken hockte und auf dem iPad Tom & Jerry guckte.

Mit anderen Worten – das Kind entwickelt sich normal und erfreulich.


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