Das wollen wir alle, auch diejenigen unter uns, die schon etwas geworden sind: Noch etwas anderes werden. Besser werden, größer werden, reicher werden. Angesehener werden, überhaupt irgendetwas werden. Älter werden, Vater werden, Opa werden. Erst einmal Student werden, berufstätig werden, arbeitslos werden, Rentner werden, und dann wohl immer noch weiter. Wir beschäftigen uns pausenlos mit dem, was wir noch werden wollen, können oder müssen, mit den jedes Jahr schmaler werdenden Möglichkeiten – und wir können uns kaum vorstellen, wie es gewesen sein mag, als wir klein waren, so klein, dass wir noch alles werden konnten, wirklich alles.

Lokomotivführer, Astronaut, Profifussballer oder Cowboy. Kinderärztin oder Model, Baggerfahrerin oder Operndiva, als es alles noch machbar schien und verfügbar, man musste nur noch eben ins Riesenwunderland der Erwachsenen eintreten, um es erreichen zu können. Das war uns doch einmal klar, oder nicht? Und dann kamen diverse Entwicklungen dazwischen, Umstände und Verzögerungen, also was man eben so Leben nennt, und wir sind dann überraschend doch nicht Astronaut geworden. Und das ist vermutlich auch gut so. Die Opernbühnen der Welt kommen überraschend gut ohne uns aus, die Fußballstadien auch. Nur ab und zu denkt man noch lächelnd an die Kindheitswünsche zurück. Lokomotivführer, also wirklich, wie albern. Aber vermutlich haben alle Kinder diese seltsamen Ziele, die später zerbröseln. Fast alle Kinder.

Die Freundin von Sohn I fragte ihn, was er einmal werden wolle. Er dachte eine Weile nach und antwortete ihr dann: „Ach weißt Du, man muss gar nichts werden. Man kann auch einfach ein normaler Mensch sein.“

Manchmal wird man anscheinend auch etwas, ohne es jemals vorgehabt zu haben. Zum Beispiel Vater eines kleinen Philosophen.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


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