Man fährt natürlich am Wochenende aufs Land, damit dort alles anders ist. Warum auch sonst. Die Luft, die Ruhe, die Landschaft, die Tiere, die Menschen, alles anders. Und das Wetter auch, das ist da ebenfalls ganz anders. Deswegen hat fast ganz Deutschland ein Wochenende im Rekordsonnenwetter verbracht, nur der neunmalkluge Herr Buddenbohm nicht, der sich dachte, ach, so ein Bombenwetter, da fahr ich doch mal eben an die Nordsee, ist ja um die Ecke und was ist schon dabei. Und sich ins Auto setzte, die Familie einpackte, etwas von Strand faselte und losfuhr. Nur um festzustellen, dass es an der Nordsee verdammt kühl war, regnerisch, grau und trübe. Hinter dem Nord-Ostseekanal wurde es plötzlich dunkel, als hätte jemand einen Schalter bedient, willkommen in Nordfriesland, das Licht geht leider nicht. Wir können alles, außer wolkenlos.

Nachmittags auf einer Webcam nachgesehen, wie sich die Menschen in Hamburg vor unserer Haustür an der Alster in der ungewohnten Oktobersonne räkelten, entspannte Gestalten in goldenem Licht, die Bäume in unwirklich schönem Bunt an den Ufern – ich starrte missmutig den Bildschirm meines Notebooks an. Dann sah ich wieder aus dem Fenster des Hauses am Deich: Hochnebel, Niedernebel, Schlamm, Modder und Novemberdunst. Es tropfte schwer vom Reetdach. Voll schön. Die Hausherrin fragte, ob wir auch einen Grog trinken wollten, das sei ja jetzt die Jahreszeit dafür.

Am Sonntag wieder zurückgefahren, mit jedem Meter Richtung Hamburg wurde es heller und freundlicher. In der kleinen Stadt Tönning plötzlich ein Schild am Straßenrand gesehen und kurzentschlossen abgebogen, so etwas, sagte ich zur Herzdame, habe ich ja seit zehn Jahren nicht mehr von innen gesehen, vielleicht auch noch länger. Ja, sagte die Herzdame, ich auch nicht, das sehen wir uns jetzt mal an, fein. Wir leben in Hamburg Mitte, wir haben fast alles, aber solche Läden, die haben wir nicht, das kommt hier einfach nicht vor, so etwas kennen wir nur noch gerüchtehalber. Zuletzt habe ich so etwas betreten, als ich noch in erster Ehe auf dem Land wohnte, das war in einem anderen Leben. Und nun lag so ein Laden einfach auf der Strecke, im Gewerbegebiet vor Tönning. Saisonale Öffnungszeiten, also gab es noch Sonntagsöffnung in der Nordseeregion und direkt vor dem Laden gab es sogar freie Parkplätze. Und links neben dem Laden gab es auch welche und rechts daneben und dahinter und auch vor den benachbarten Läden, überall freie Parkplätze. Hunderte freie Parkplätze. Das ist ein Anblick, den man als Hamburger kaum noch verkraften kann, zu viel des Guten macht einen auch irgendwie fertig, das geht einem an die Nerven. Ich parkte schwungvoll direkt vor der Eingangstür ein, setzte dann zurück und parkte zwei Parkplätze weiter noch einmal ein. Einfach weil es ging. Und dann noch einmal und noch einmal, es war ja alles frei, wann kann man schon einmal einfach so einparken? Legal? Das muss man ausnutzen. Den Wendekreis austesten wie beim Autoscooter und überall hinpassen, was für ein Gefühl. Ich hatte plötzlich Lust, so etwas wie „Brummbrumm, parkiparki“ zu sagen, mich überkam eine tiefe, kindliche Freude am Einparken. Einparken ist eigentlich sehr schön, wenn alles frei ist, eine ästhetische Angelegenheit. Ich setzte noch einmal zurück und peilte in einem langen Schwung rückwärts eine andere Parkbucht an, einmal quer über das ganze Gelände. Wun-der-schön.

Bis die Herzdame mich antippte und leise daraufhin wies, dass Sohn II schon grün im Gesicht sei und Sohn I verzweifelt an der Autotür kratze und man allmählich auch einmal aussteigen könne. Sie sprach langsam und dezent, wie man mit Irren eben spricht, sie hat ein wirklich feines Gespür für merkwürdige Zustände bei mir. Ich machte den Motor aus und folgte der Familie in den Laden.

„Wir brauchen nur ein Sixpack Wasser“, sagte die Herzdame als wir durch die Tür gingen und kurz darauf nannte die Kassiererin einen dreistelligen Betrag und ich schob einen sehr vollen Einkaufswagen zum Auto, mit genug Vorräten für den ganzen Winter. Ich weiß nicht genau, wie das passieren konnte, zwischen „Wir brauchen nur einen Sixpack Wasser“ und dem Lächeln der Kassiererin fehlt mir ein Stück Erinnerung an rauschhafte Minuten, aber ich weiß noch, ich hatte sehr viel Spaß beim Einsammeln der Waren. All die Sachen, die es so nirgends sonst gibt, nur hier. Endlich einmal ein ganz anderes Angebot! Und alles so günstig!

Und jetzt habe ich also sehr viele Nudeln. Genug bis etwa März 2013. Und Reis. Und Lebkuchen. Und Erdnüsschen. Und so. Sollten Sie übrigens keinen Spaß haben, wenn Sie zum Aldi gehen: Einfach mal zehn Jahre aussetzen, das hilft ungemein. Nach zehn Jahren Pause macht Aldi wieder richtig Spaß.

Und in Hamburg war dann auch noch eine Stunde Sonne. Eigentlich ein schönes Wochenende, wenn man es recht betrachtet.


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