Sohn I schwächelt. Bauchweh, Schlafmangel, allgemeines Unwohlsein. Dräuender Wetterumschwung, Unlust, alles finstere Gebrechen, da muss man Verständnis haben, da kann das Kind natürlich nicht in den Kindergarten. Die Herzdame hat bei einem Projekt einen Abgabetermin und kann sich nicht kümmern. aber ich kann Home-Office machen, gar kein Problem. Ich muss nur erst ins Büro und mein Notebook holen, das leider noch dort im Schrank liegt. Sohn I trottet hinter mir her und wundert sich am Bahnhof sehr, wo denn die ganzen Leute hinwollen? Die ist ja irre voll, die Bahn? Die gehen alle zur Arbeit, mein Sohn. Gucken die denn deswegen so schlechtgelaunt? Ja, das kann man wohl annehmen. Aber Du guckst nicht so schlecht gelaunt? Nein, meistens tatsächlich nicht.

Ob das denn  alles meine Kollegen sind, will er dann noch wissen. Nein, nicht alle, aber doch ein paar davon, der da ganz hinten zum Beispiel. Sohn I sagt, er will im Büro alle meine Kollegen begrüßen, denn er sei ja jetzt gar nicht mehr schüchtern, so wie damals, als er noch klein war, also ganz, ganz damals, oder wann das war. Beim letzten Besuch  Ich stelle mir vor, wie er bei etwa dreihundert Schreibtischen die Parade abnimmt, da würde man dann vermutlich sofort merken, welche Kollegen selbst Kinder haben und welche nicht.

Ich arbeite eine halbe Stunde im Büro, Daten auf das Notebook ziehen, Mails beantworten. Sohn I malt neben mir etwas herum und fragt die Kollegen ringsum sehr freundlich nach Tacker, Locher und Stiften, er ist jetzt tatsächlich nicht mehr schüchtern. Als ich mir einen Kaffee hole kommt er mit und sieht die Snackbox neben der Kaffeemaschine, eine offene Holzkiste voller Schokoriegel und Gummibärchen. Ein phantastischer Anblick, der bei ihm zu einer Spontanheilung führt. Kein Bauchweh mehr, Beschwerden wie weggeblasen, ein Wunder. „Halleluja!“ rufe ich und preise die Wirkung der Wunderkiste.

Mein Chef kommt und begrüßt den Nachwuchs, der versteckt sich bei so direkter Ansprache dann doch lieber unter dem Schreibtisch. Fragt von da aus leise, als die Luft wieder rein ist:

 

„Papa, warum bist Du nicht Chef?“

„Na, dann hätte ich ja viel weniger Zeit für Dich. Chefs arbeiten immer länger als andere.“

„Ach, die haben keine Zeit? Warum will dann überhaupt jemand Chef werden?“

 

Notebook einpacken und nach Hause fahren. Sohn I vertieft sich in Legobauten, ich in Telefonkonferenzen. Ab und zu helfe ich ihm ein wenig mit den bunten Steinen, ab und zu sieht er sich meine bunten Exceltabellen auf dem Bildschirm an und nickt kollegial zustimmend.

Ich telefoniere, ich sage einem Kollegen, dass wir das Spiel schon noch gewinnen werden, was man geschäftlich eben so redet. Sohn I hält mir an der Stelle mit fragendem Blick seine Spielzeugpistole hin. Ob ich die vielleicht gebrauchen könne? Auf seine Unterstützung kann ich immer zählen, das ist ein schöner Gedanke. Dann schläft er am Tisch ein und ich höre lieber auf zu telefonieren. Geht auch alles per Mail.

Es wäre doch etwas lästig, jedem Anrufer das laute Schnarchen neben mir zu erklären.

 


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