Als ich Kind war spielten Jungs nicht mit Puppen, das war vollkommen unüblich. Autos, Pistolen, Werkzeug, alles war in Ordung, Puppen waren es nicht.  Heute ist das natürlich anders, heute haben die Väter wesentlich mehr Anteil an der Aufzucht der Kinder. Sie wickeln, sie füttern, sie machen alles, was früher den Müttern vorbehalten war. Logisch, dass Jungs jetzt mit Puppen spielen, die Väter haben ja auch Babys auf dem Arm. Andere Vorbilder, andere Spiele, so schnell geht das. Keine 50 Jahre sind vergangen und alles ist ganz anders. Das Sorgende im Mann, das hegende Element, das Kümmernde, es ist alles aktiviert und wird ausgelebt. Ich habe die Söhne gewindelt, also können die auch ihre Puppen oder Stofftiere windeln, da fällt denen jetzt kein Zacken mehr aus der Krone, da ist alles im grünen Bereich. Sollte man meinen.

Stimmt aber gar nicht. Oder stimmt, aber doch nur ein wenig. Nämlich nur bis zum Kindergarten. Sobald die Jungs dort Freunde finden, ist es vorbei mit den Puppen, dann wird immer noch klar, dass die nur für Mädchen sind, für diese ein wenig suspekte andere Gruppe Mensch. Und dann eben doch wieder Autos, Pistolen, Werkzeug, alles wie gehabt. Vielleicht können Jungs in 50 Jahren schon bis zum Alter von 6 Jahren mit Puppen spielen, und in 100 Jahren dann sogar bis 12? Geschichte geht weiter, man darf nicht zu schnell entmutigt sein.

Sohn I übrigens pflegt die von seiner Mutter geerbten Barbies hingebungsvoll. Er zieht sie adrett an, er kämmt ihr Haar und hält sie in einem stets spielbereiten Zustand. Wirklich erstaunlich, für einen 5-Jährigen. Neulich fragte er sogar nach mehr Barbie-Puppen.

„Du willst mehr Puppen haben?“

„Ja, ich möchte viel mehr Puppen haben. Weißt Du, Papa, dann besuchen mich mehr Mädchen und bleiben auch viel länger.“

Doch, doch, die Geschichte geht wirklich voran.

 

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 


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