Die Vaterrolle ist heute natürlich vielseitiger und bunter als früher. Mein Vater war noch ein ganz altmodischer Vater, ein klassisches Arbeitstier und Familienvorstand. Vom Haushalt nicht die leiseste Ahnung, Kinderbetreuung war im Lebensplan schon gar nicht vorgesehen. Er stand für die Themen Handwerk, Fleiß und Geld, für Besitz und Leistung, ganz am Rande auch noch für Fußball und dicke Autos. Mehr Vielseitigkeit war da nicht zu erwarten. Das kann man ihm nicht vorwerfen, das war die Generation, so waren sie alle. So waren auch schon die Väter der Väter, von den Autos mal abgesehen.

Für meine eigenen Kinder vertrete ich heute sicherlich ein paar Themen mehr, darunter nicht wenige, die meine Eltern noch lediglich Frauen zugewiesen hätten. Ich bin hier für das Kochen und Einkaufen zuständig, ich gehe mit den Söhnen zum Arzt, ich ziehe sie an. Ich habe sehr viel Zeit, um mit ihnen zu spielen und zu toben, trotzdem bin ich auch noch berufstätig. Als Vater bin ich multifunktional, die Herzdame und ich haben etliche Bereiche im Haushalt entgegen der früheren Geschlechterrollenzuordnungen verteilt. Sie kümmert sich um die Autoreparaturen und macht alles, wozu man Werkzeug braucht. Wie es unseren Neigungen gerade entgegen kam, mit klassischen Mustern hat das nur noch sehr wenig zu tun.

Wir lassen natürlich auch unseren Söhnen, den Vätern der Zukunft, Freiraum in ihren Rollen. Viel mehr, als wir beide je gehabt haben. Sie spielen nicht nur Cowboys und Piraten, nein, sie spielen auch mit Puppen. Sie spielen Küche, sie spielen mit Kostümen. Sie schminken sich, wenn sie das wollen, und wenn sie etwas in Rosa schön finden, dann werden wir ihnen nicht sagen, dass diese Farbe Mädchen vorbehalten ist. Dumme alte Regeln, so etwas kann man ablegen.

Die Freundin von Sohn I ist im Ballett, sie fragte ihn, ob er nicht auch mitmachen wolle. Er sah mich fragend an. Ich habe von Ballett nicht die leiseste Ahnung, als meine Mutter mir in meiner Kindheit damals mit Ballett gedroht hatte, bin ich schreiend weggelaufen. Ballett, an der Peinlichkeit wäre ich womöglich gestorben. Aber auch das ist heute natürlich ganz anders, warum sollen Jungs nicht zum Ballett, das ist alles kein Problem mehr. Ich sollte ihm wohl die Chance bieten, dachte ich. Ich sagte ihm, dass ja bestimmt auch andere Jungs da hingehen würden, nicht wahr, wir haben schließlich 2012, alles ganz entspannt. Ich sah die Freundin meines Sohnes fragend an. „Nein“, sagte die, „so etwas mögen die doch alle nicht. Aber es wäre schon nett, wenn mal einer kommen würde.“ Sohn I schüttelte nachdenklich den Kopf. Ich versuchte es zur Abwechslung mit der klassischen Argumentation und erklärte, dass man da Jungs für die Hebefiguren brauchen würde, irgendwer müsse die schönen Tänzerinnen ja in die Luft bekommen, sonst würde doch am Ende das ganze Ballett nicht funktionieren. Ziemlich starke Jungs würde man da brauchen, ohne Muskeln könne man schließlich nichts heben. „Ja“, sagte die Freundin von Sohn I und hob flatternd die Arme, „die Hebefiguren. Genau.“

Sohn I überlegte. Er überlegte etwas länger, lächelte vor sich hin und ich freute mich leise, dass er sich anscheinend, trotz seines geringen Alters von fünf Jahren, schon vorstellte, Mädchen zum Sprung zu stemmen, Ballerinen herumzuwirbeln und fliegenden Elfen mit starken Armen nachzuhelfen. Männlich in einer weiblich bestimmten Welt, so wird seine Zukunft doch ohnehin aussehen. Schließlich nickte er. Toll, dachte ich, die nächste Männergeneration wird noch bunter, immer mehr Möglichkeiten jenseits der alten Grenzen tun sich auf. Wirklich schön.

„Ist gut“, sagt Sohn I, „dann gehe ich da mal hin. Das macht bestimmt Spaß. Und man wird sie ja wohl auch einfach Huckepack tragen können.“

Die Jungs von heute können wirklich alles. Sie können also auch einfach zum Ballett gehen. Ob das Ballett das dann auch überleben kann, das ist allerdings eine ganz andere Frage.


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