Bevor ich ihn in ein Museum locken kann, muss ich dem Sohn erst erklären, was es da zu sehen gibt, wir haben da allmählich etwas Routine. Außerdem wünscht er zur Vorbereitung jeweils die Homepage des Museums zu sehen, darauf kommt man heutzutage auch mit fünf Jahren schon. Die überzeugt ihn aber nicht, die ist nur etwas für Erwachsene. Ich erkläre ihm, dass es im Museum für Kunst und Gewerbe gerade eine Sonderausstellung zum Thema Plastikmüll gibt, außerdem noch eine zu Pixar, der Firma mit den ganzen Trickfilmen. Ratatouille, den Film kennt er, das müsste ihn doch eigentlich interessieren, nicht wahr. Der Sohn hält das mit dem Müll erst einmal für einen Witz und fragt, ob da im Museum auch die Filme von Pixar gezeigt werden? Cars und so? Nein? Ach. Nur die Zeichnungen dazu. Hm. Was das denn soll?

Aber es gibt es da auch noch einen richtigen Kinderbereich, sage ich, mit seltsamen Möbeln und so. “Möbel”, sagt der Sohn langsam, “aha.” Er denkt nach und sieht wenig begeistert aus und ich reite lieber nicht auf dem Plastikmüll herum, der kommt mir gerade nicht verlockend genug vor. Dann fragt er, ob wir nicht lieber in ein Café gehen könnten, statt in das Museum. Mir fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass man auch im Museum ins Café gehen kann, und von da an ist alles kein Problem mehr, das Argument überzeugt. Kuchen überzeugt überhaupt immer, manche Sachen sind in dem Alter dann doch noch sehr einfach. Er besteht darauf, seine eigene Kamera ins Museum mitzunehmen, er besteht auch darauf, einen Rucksack mitzunehmen, denn manchmal, erinnert er sich, sind in den Museen so Läden. Und manchmal haben die Läden so Spielzeug. Oder Bilderbücher. Und wenn man da etwas kauft, dann muss das ja irgendwo rein. Er ist unverkennbar auf dem besten Wege, ein richtiger Museumsprofi zu werden.

Wir kaufen die Eintrittskarte für mich, sein Eintritt ist frei, wie in fast jedem Museum. Wir geben die Jacken und Mützen an der Garderobe ab, wir hängen uns die Kameras um und könnten jetzt reingehen, allerdings hält mich der Sohn auf der Schwelle zum ersten Saal am Ärmel fest und will mir etwas ins Ohr flüstern. Ich beuge mich runter: “Hast du auch gefragt, ob wir da fotografieren dürfen?” Er ist nicht nur auf dem Wege, ein Museumsprofi zu werden, stelle ich fest, er ist es bereits. Ich sage, dass man fotografieren darf, das stand nämlich am Eingang auf einem Schild. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, haha. “Kann ich ja auch bald”, sagt er, “dann lese ich das alles selber.” Dann erkläre ich ihm vorsichtig, dass der Kinderbereich heute gar nicht geöffnet ist, ich habe mich nämlich dummerweise im Tag vertan, das stand da leider auch auf einem Schild. Nur wer richtig lesen kann, ist auch richtig im Vorteil, das denke ich aber nur, das sage ich nicht. Er sieht mich mit einem Blick an, den ich ganz gut von seiner Mutter kenne. Manchmal ist Vererbung doch etwas sehr Unheimliches. Seine Stimmung ist jetzt bestenfalls als gemischt zu bezeichnen. Ich suche den Weg zu der Pixar-Ausstellung, hier muss schnell etwas gerettet werden. Dummerweise landen wir dann aber doch zuerst in der Ausstellung zum Plastikmüll. Da liegt natürlich reichlich Plastikmüll herum, den man aus dem Meer gefischt und hier dramatisch aufgetürmt hat, da liegen aber auch sehr viele eher informative Ausstellungsstücke mit Erklärtafeln daneben, auf denen ziemlich üppige Textmengen stehen. Da werden lang und breit Werkstoffe und Produkte erklärt. Da laufen auf Bildschirmen Videos über Umweltverschmutzung und über Müllverbrennungsanlagen, das ist wirklich kein ideales Kinderprogramm, denke ich.

Der Sohn ist also sofort begeistert. Er findet den Müllberg faszinierend, er fragt immer wieder, ob das wirklich alles aus dem Meer kommt und wie jetzt hier hin und wann und warum. Er lässt sich ein paar Tafeln von mir vorlesen, er rennt von Bildschirm zu Bildschirm und sieht gebannt zu, wie da das Schicksal einer Plastiktüte geschildert wird, die jemand auf einem Parkplatz verliert und die dann vom Wind durch die Welt getrieben wird, über Rasenflächen, Büsche, Wälder, Straßen, bis sie schließlich im Meer landet, bis sie auf den Wellen herumtreibt, bis ein Delphin seine Schnauze hineinsteckt…. den Rest kann man sich denken, da wird dann abgeblendet. Der Film läuft in Endlosschleife, das Kind bleibt fasziniert davor stehen und sieht ihn sich einmal an, zweimal, dreimal. Der gesprochene Ton ist englisch, aber das macht ja nichts, die Story versteht man auch mühelos so. Ich lese mir die Tafeln ringsum durch, während sich der Sohn den Film noch einmal ansieht, immer noch völlig gebannt. Er winkt mich zu sich und zeigt auf den Fernseher: “Da geht es um eine Plastiktüte. Aber sie sagen plastic bag, das ist Englisch, weißt du, Papa. Guck, der Delphin. Da, die Tüte.”

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte seine Premiere sein, das erste Mal, das ihm jemand den Zustand der Welt in dieser geballten Ernsthaftigkeit vorführt, das erste Mal, dass er beginnt, etwas davon zu verstehen, dass womöglich da draußen nicht alles in Ordnung ist. Er sieht die toten Vögel mit dem Plastik im Magen, die Fische, die Schildkröten, all die Tiere, die an Plastik verreckt sind. So sieht es nun einmal aus, was soll man machen. Ich erkläre, was ich kann, bei dem Film über die Müllverbrennung weiß ich auch nicht wahnsinnig viel mehr als er, was interessiert mich Müllverbrennung. Wir sehen beide zu, wie die riesigen Maschinen Unmengen an Zeug sortieren. Wir sehen uns den Müllberg daneben noch einmal genau an, was da alles drin ist, was alles aus Plastik ist. Dann schlage ich vor, zu Pixar weiter zu gehen, ich will den Sohn auch nicht gleich in der ersten halben Stunde komplett überfordern. Was verträgt man mit fünf Jahren? Schwer zu sagen. Er geht noch einmal zu dem Film über die Plastiktüte zurück und bleibt davor stehen: “Ich bleib noch hier. Ich finde Plastikmüll sehr interessant, Papa.” Man kann ein Kind noch so gut kennen, man kann mit ihm Tage und Monate und Jahre verbringen, man weiß doch nie genau , wie es auf etwas Neues reagieren wird.

Im nächsten Flur geht es dann um Pixar, um die Filme der Firma, die Zeichnungen und die Entwürfe dazu. Natürlich laufen auch Filmausschnitte, da hängen wieder Monitore an der Wand, sogar mehrere nebeneinander, und auf jedem läuft ein anderer Kurzfilm. Der Sohn probiert, wie viele man gleichzeitig sehen kann. “Drei! Hier, wenn man genau hier steht, dann kann man drei Filme sehen!” Er ist mehr als entzückt, das hier erfüllt Träume, endlich eine fette Überdosis Trickfilm, endlich die volle, die wirklich volle Dröhnung, das ist ein Stück vom Himmel. Seine Augen zucken hin und her, seine Mundwinkel steigen in ungeahnte Höhen, vor ihm wirbelt lebendes Spielzeug über die drei Bildschirme, Figuren, Kinder, Gegenstände, in rasender Folge, es ist alles viel zu viel und viel zu schnell und es ist toll. So toll, dass ihm zehn Minuten tatsächlich ausreichen, den Effekt kannte ich bisher gar nicht.

Wir gehen danach an den Zeichungen und Skizzen der berühmten Figuren entlang, die uns beiden sehr gefallen. Da gibt es auch Modelle der Cars-Prototypen, detaillierte Charakterstudien des bösen Kochs aus Ratatouille, große Plüschtiere aus der Monster AG. Ein riesiges Bild mit einer Stadtansicht aus Ratatouille, in bester Disneytradition, detailreich und romantisch. Der Sohn steht davor und fragt, ob das denn wohl die beste Kunst der Welt sei, wenn man so malen könne? Und ob es wohl toll sei, so malen zu können? Wenn man so der Beste sei? Ja, sage ich, ja, alles ja. Ich muss nur an meine eigenen Kindheitskinotrickfilme zurückdenken und an den nachhaltigen Eindruck, den sie bei mir hinterlassen haben. Natürlich ist das die größte Kunst, aus seiner Sicht, gar keine Frage. Für die Kunstgeschichte mit dem ganzen anderen Zeug ist später immer noch Zeit genug. Und wer weiß, was ihn daran beeindrucken wird. Ein Kindertrickfilm im Kino, so viel steht fest, ist ein wirklich umwerfendes Stück Kunst und das kann man nun wirklich nicht gerade von jedem Ölgemälde behaupten.

Der Sohn hat Hunger, er fragt, wo denn das Café nun sei. Wir gehen durch viele Gänge, ab und zu werfen wir einen Blick in die Räume links und rechts davon. Vasen, sehr viele Vasen, und danach noch mehr Vasen neben anderen Vasen. Wir verstehen beide nicht, was an Vasen so toll sein soll, aber das Museum ist ja groß und bietet vieles. Chinesische Schriftzeichen auf gerolltem Papier, der Sohn schüttelt den Kopf und geht desinteressiert weiter, noch bevor ich zum Dozieren ansetzen kann. Ostasienabteilung, Kunstgegenstände, noch mehr, noch mehr und noch mehr. Der Sohn läuft daran vorbei. Herrje, Porzellan. Götter, Buddhas, Figürchen, man trabt so daran längs. Schüsselchen, Schälchen, Dingse, Samuraischwerter. Die Bremsspur des Sohnes kann man im Teppich vermutlich nach wie vor sehen. Echte Samuraischwerter! So richtige! Und Helme! Echte Helme! Und Rüstungen! Mit allem! Auf dem nächsten großen Bildschirm daneben laufen Ausschnitte aus Samuraifilmen, von der japanischen Kinoklassik bis hin zu Kill Bill. Nicht eben kleinkindkonform, aber höchst interessant, versteht sich. Es braucht eine Weile, bis er alle Filmausschnitte gesehen und sich vor den Vitrinen entschieden hat, welches Schwert er selbst nehmen würde und welches für seinen besten Freund wäre und bis er in allen Einzelheiten zu Ende gedacht hat, wer dann gewinnen würde, das verlangt natürlich alles sorgfältige Erwägungen und wir werden noch einmal hingehen müssen, mit dem Freund, das geht ja nun nicht, dass ihm so etwas nicht zeigen kann. Wie soll man richtig Samurai spielen, wenn nicht alle auf dem gleichen Kenntnisstand sind? Eben. Aber dann ist der Hunger schließlich doch zu groß und wir gehen endlich zum Café. Nur noch schnell durch die Jugendstilabteilung, die er befremdlich findet, wirklich seltsam, geradezu unheimlich. Unvorstellbar, dass so etwas mal in Wohnungen stand? Diese riesigen schwarzen Monstermöbel? Nein, oder? Er ist wirklich entsetzt, bis er merkt, dass da gerade ein echter Maler vor den Möbeln sitzt und die abmalt, da ist der Schrecken gleich wieder vergessen. Möbel abmalen, was für eine Idee, er findet das ebenso amüsant wie beeindruckend, weil die gemalten Möbel nämlich wirklich wie die echten aussehen. Der kann malen, der Maler, der kann toll malen. Also etwas anders sind die Möbel schon auf dem Papier, aber irgendwie auch ähnlich, nur die Farbe passt da nicht ganz und dass da ist in Wahrheit doch größer, oder nicht? Nachdenken über Kunst. Kann man in jedem Alter.

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Die Kuchenauswahl im Café ist bescheiden, nur ganze vier Sorten und der Sohn erklärt mir beleidigt, dass das doch dann kein richtiges Café sein, mit so wenig Kuchen. Ich überrede ihn dennoch zu einem Brownie, Brownies gehen immer. Wir setzen uns hin, ich giesse ihm Limo ein und probiere den Kuchen, der sehr gut schmeckt. Ich kaue angetan, bis ich merke, dass der Sohn gar nichts isst. Der sitzt nur da und guckt in die Gegend, mit ungewöhnlich konzentriert aussehendem Blick. “Was ist?” frage ich, “stimmt was nicht? Jetzt doch kein Kuchen? Kann ich ihn dann essen? Nehme ich gerne.” “Papa”, sagt der Sohn unwillig, “wir wollen erst der Klaviermusik zuhören.” Das kommt dabei heraus, wenn man mit dem Nachwuchs zu oft ins Museum geht, so wirkt sich also ein schwerer Kulturflash aus. Ich sitze und staune. Aus den Lautsprechern kommt Chopin, wobei ich auf den Komponisten nicht wetten würde, aber doch so halbwegs sicher bin, irgendeines der bekannteren Stücke. “Schön”, sagt der Sohn schließlich, als das Stück zu Ende ist “jetzt Kuchen.” Dann atmet er den Brownie ein, leckt noch die Krümel von meinem Teller und stürzt die Limo hinunter, Kultur macht anscheinend hungrig und durstig. Schließlich schiebt er lauthals rülpsend den Teller weg und fragt nach dem Laden, es gibt doch wohl so einen Laden? Mit so Sachen? Ja, den gibt es tatsächlich und den finden wir auch ziemlich schnell und gemeinsam suchen wir ein paar ausgefeilte Designobjekte als Souvenirs aus.

Denn wenn man schon in einem Museum ist, dann kann man ja auch etwas Kunst mitnehmen. Jeder Sammler hat mal klein angefangen.

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Dieser Text erscheint in der Folge meiner Kolumnen „Kind und Kegel“ für die Online-Ausgabe des Hamburg-Führers.


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