Sohn I ist verliebt. So verliebt, wie man mit 5 Jahren nur sein kann, und das ist gar nicht wenig. Er beurteilt die Kindergartentage nach der Anwesenheit der Angebeteten, er spricht viel von ihr, er vermisst sie heftig, wenn sie sich rar macht. Er zieht neuerdings sogar ernsthaft in Erwägung, sie später zu heiraten. Heiraten ist schön, da kann man nämlich eine richtig große Party geben, mit allen Freunden, und dabei sehr laut genau die Musik hören, die einem gefällt. Und zwar so lange man möchte, sogar nachts! Das ist ja nun wirklich eine reizvolle Vorstellung. Da kann man dann auch in Kauf nehmen, dass sich der Rest des Tages nur um das Kleid der Braut zu drehen scheint, was er nicht so richtig spannend findet. Aber nach dem Heiraten, da könnte man dann immer zusammen sein, richtig für immer,  das Konzept hat er so weit verstanden. Und das lockt tatsächlich. Man würde zusammen leben, vielleicht sogar Kinder kriegen, warum auch nicht. Dann könnte man Vater-Mutter-Kind spielen, sogar jahrelang. Er könnte ja Papa spielen, sagt er, und seine Frau könnte Mama spielen. Und man brauchte nicht einmal Puppen dafür, wenn man dann echte Kinder hätte, sehr praktisch. Im Grunde ist die Zukunft rosig.

Die Sache hat nur einen Haken. Er kann dem Mädchen nicht sagen, dass er sie liebt. All die schönen Zukunftsträume, er kann sie nicht zu zweit träumen. D.h. er könnte schon, theoretisch. Denn das Mädchen scheint ihn auch toll zu finden, das ist nicht zu übersehen. Aber dennoch, die Liebe zu gestehen, das geht beim besten Willen nicht, das muss man verstehen. Denn dann würde sie ihn womöglich küssen wollen, wie eklig ist das denn bitte. Schon von dem Gedanken wird ihm ganz anders. Heirat, Kinder, Zukunft, alles gerne, alles am besten gleich – aber Küssen, nein, also wirklich.

Wir wollen nicht übertreiben.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)


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