Ich habe vor Monaten einmal über meine Freundin J. geschrieben, einige erinnern sich vielleicht, die Offline-Freundin. Das war dieser Text hier.

Mein letztes Buch hat sie im Winter erst gelesen, wir hatten uns vorher ziemlich lange nicht gesehen, sie war auf Reisen. Sie hat es dann vielfach zu Weihnachten verschenkt und war sehr begeistert davon. Sie konnte sich wie kein zweiter Mensch für etwas begeistern, auf eine äußerst eigensinnige Art, vollkommen unbeeindruckt von all den anderen Meinungen in der Welt. Wenn sie etwas toll fand, dann war es über jeden Zweifel erhaben. Sie hat gesagt, ich müsse unbedingt mehr schreiben, viel mehr, vor allem mehr Bücher, und ich hab “ja, ja” gesagt. Was man eben so sagt, wenn man nicht recht überzeugt ist. Jedesmal, wenn wir uns trafen, fragte sie, warum ich nicht mehr schreiben würde. Sie hat nie verstanden, dass ich neben dem Schreiben auch noch andere Dinge für Geld tue, das hätte sie selbst nie getan. Sie hat dann die Kinder als Entschuldigung dafür akzeptiert, aber nur widerstrebend. Warum machen alle Leute immer Sachen, die sie gar nicht wollen? Sie hat sich dieser Mehrheitsfraktion nie angeschlossen. Sie hat immer radikal und kompromisslos ihr Ding gemacht, glühend und leidenschaftlich und völlig vernagelt und immer in irgendwas verliebt und verrannt und verloren. Was für ein Charakter.

Ihre Freundschaft war immer mehr als nette Anteilnahme am anderen, sie war ein wirklich intensiver Mensch. Wenn man sie traf, dann wusste man gleich, die ist seltsam, die ist nicht wie andere, die ist nicht irgendwer. Ich habe andere Freunde, die sie nur vor zehn oder noch mehr Jahren ganz kurz gesehen haben, die wissen bis heute ganz genau, wer das war. Wenn sie jemanden mochte, dann war ihre Begeisterung, als würde einem ein ganzes Stadion zujubeln, und Ihre Freundschaft war, ach, das kann man gar nicht sagen. So viel. Was hatte ich Glück.

Heute haben wir sie beerdigt, sie wurde nur 43 Jahre alt. Von ihrem Tod habe ich erst durch einen Brief erfahren, natürlich, wie hätte es auch anders sein können. So ein Brief mit schwarzem Rand, den man aus dem Kasten holt und dann starr stehen bleibt, minutenlang. Den man dann aufmacht und in dem man liest, was man ohnehin schon verstanden hat und den man dann lange, lange ansieht. Immer wieder.

Ich hoffe, ich kann mir ihre Begeisterung noch lange vorstellen. Ich habe manchmal Geschichten geschrieben und zwischendurch gedacht, das hier, das wird sie bestimmt gut finden, und dann konnte ich beim Schreiben schon lachen, weil ich mir ihr Gesicht vorgestellt habe und ihren Blick und ihre Hand auf meinem Arm.

Ach.

Ach.

Ich muss mir das weiter vorstellen. Und mehr schreiben. Vielleicht hilft es und es hätte ihr sicher gefallen und doch, das kann sehr motivierend sein, so eine Vorstellung. Fast wie eine Hand auf dem Arm. Und nach Beerdigungen soll es ja gut sein, etwas zu tun zu haben. Und einen Schnaps.

Prost. To absent friends.

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