Zu den unumstößlichen Grundsätzen der Erziehung gehört die Regel, dass man sich noch so viel Mühe mit ausgefeilten Maßnahmen geben kann – am Ende richten sich die Kinder doch einfach nach dem gelebten Vorbild der Eltern. Man erzieht eben mehr durch das, was man ist, als durch das, was man tut. Und zwar viel mehr. Ganz egal, welche Bücher man gelesen, welche Kurse man besucht, welche Ratschläge man gehört hat, zwischen allem, was man bedenkt und beachtet, lebt man einfach nur so vor sich hin. Und das tut man, ob man will oder nicht, vorbildlich. Als Idol des eigenen Nachwuches, als Leitstern der nächsten Generation.

Daher muss man sich fragen, was man ist, bevor man sich fragt, was man tut. Wenn man es nicht weiß, kann man einfach die eigenen Kinder beobachten, dann lernt man als selbstkritischer Mensch vielleicht auch etwas über sich selbst. Und wenn man umgekehrt schon recht gut weiß, wie man ist, kann man diese Spiegelung ganz bewusst in den Kindern suchen, warum denn nicht.

Ich z.B., ich bin bescheiden, zurückhaltend und dezent. Ich glaube, das zeichnet mich deutlich aus, nein, ich weiß es. Und ich warte schon lange darauf, dass sich diese charakterlichen Vorzüge in den Söhnen spiegeln. Bisher vergeblich, aber das kommt gewiss noch. Es kann nicht anders sein, ich lebe es ja völlig korrekt vor, die Kinder werden in dieser Hinsicht noch ganz nach mir geraten. Ich habe zwar nicht Pädagogik studiert, aber dafür reicht meine Kenntnis dann doch lässig aus.

Noch kommt es allerdings zu seltsamen Ausfällen. Gestern Abend etwa fragte ich Sohn II an der Bettkante: „Wollen wir uns noch ein wenig unterhalten?“ Und er sagte gönnerhaft: „Ja, Papa, du kannst mich gerne irgendwas fragen. Ich bin nämlich Experte für alles.“

Es ist gänzlich unerfindlich, woher er das haben kann.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)


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