Die Aktion “Der Rest von Hamburg” ist seit einer Weile ohne Update, aber es laufen wohl doch noch ein paar Texte dazu ein. Sollten Sie noch etwas parat haben – nur zu. Poppenbüttel ist gerade bei jemandem frisch in Arbeit, wie ich höre, anderes ist schon älter und passt dennoch in diesen Kontext und kann daher requiriert werden.  Wie dieser Text hier unten, ein Ausschnitt aus einem Romananfang der Hamburger Autorin Regula Venske, den sie mir freundlicherweise gerade fürs Blog zur Verfügung gestellt hat. “Rent a Russian” heißt das Buch und es spielt in Uhlenhorst, nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an die wir vielleicht ziehen, wenn wir auf Sankt Georg tatsächlich in diesem Jahr keine Wohnung finden sollten. Man könnte es, nach Lektüre des Romanauszugs, glatt als Drohung stehenlassen. Allerdings wohnt die Autorin auch dort um die Ecke, da sollte man wohl bedenken.

“Rent a Russian” erschien in der Krimibibliothek des Hamburger Abendblattes. Wir verlosen hier ein Exemplar an die erste Kommentatorin oder den ersten Kommentator, der die folgende Frage korrekt beantwortet: In welchem Buch sind Regula Venske und ich gemeinsam erschienen? Mitglieder der Hamburger Blogmafia  sind von der Verlosung natürlich ausgenommen, die Richtigen werden sich jetzt schon angesprochen fühlen.

Hier der Romanauszug:

“Es ist von der Natur nicht vorgesehen, daß Eltern durch ihre Kinder neurotisch werden. Aber in Hamburg auf der Uhlenhorst, eine Steinwurf vom Zentrum entfernt, auf der falschen, nämlich auf der rechten Seite der Alster, da kommt das durchaus vor. Auf dem Mümmelmannsberg mischt man den Kleinen Schnaps in die Limonade, und in Eppendorf geben die Mütter Valium in den Brei, wenn sie zum Einkaufsbummel starten, aber auf der Uhlenhorst, da setzt sich eine Mutter selbst ins Laufställchen, um so vor ihrem Krabbelkind geschützt ungestört Cello zu üben. Wobei sie eben auf keinen Fall den natürlichen Bewegungsdrang ihres Kleinen behindern möchte. Und wohl ihr: daß sie Cello spielt, mag noch ihre Rettung sein. Andere sitzen nur so im Laufställchen herum, derweil ihr Nachwuchs die Welt unsicher macht.

Auch Väter werden mitunter durch ihre Kinder neurotisch, aber man merkt es meistens erst, wenn es zu spät ist. Dann gehen sie hin und jagen sich am Alsterufer eine Kugel in den Kopf, so daß die Lebensversicherung die Zahlung an die Ehefrau verweigert.  Oder sie schlachten vorher die ganze Familie ab, in beiden Fällen hat die Frau das Nachsehen. Das alles geschieht auf der Uhlenhorst wie anderswo auch, vielleicht nicht ganz so häufig wie in Barmbek oder Billstedt. Hier können sich die Väter mittels passabel gepolsterten Brieftaschen vor größeren Leidenschaften schützen.

[…]

Hinter sich das Ernst-Deutsch-Theater, in dem gerade eine Truppe aus St. Petersburg gastiert, vor sich den Bahnhof Mundsburg, von wo ein Duft nach Pommes und gebrannten Mandeln durch die Luft zieht, über sich den üblichen, trotz der Sommerhitze schwer verhangenen Himmel, unter sich festen Boden, ja doch, festen Boden. Wenn sie diese überqueren will, fühlt sie sich immer verraten und verlassen und muß an ihre sämtlichen Sinne appellieren, nur ja jetzt nicht zu verzagen. Sieben gewaltige Ströme fließen hier ineinander, Mundsburger Damm, Winterhuder Weg, Hamburger Straßem Oberaltenallee, Lerchenfeld, Schürbecker Straße ud Ulmenau.  Das tobt und brandet und windet sich um sie herum, zwei Dutzend Auto- und Busschlangen, die sie und ihr Kind zu zermalmen und zu verschlingen drohen. Sie hält die kleine Hand fest in ihrer großen und wartet weiter auf grün. Hoffentlich rennen nicht wieder etliche Erwachsenen schon bei rot über die Straße, dann muß sie immer erklären, ob die ungehorsam oder schlicht farbenblind sind. Oder das Kind ruft ihnen hinterher: “Rotgänger, Totgänger!”

Und das ist ihr immer aufs neue peinlich, leider. Bis man von hier am entgegengesetzten Ende der Kreuzung angelangt ist, braucht man gut und gerne eine Viertelstunde. Warum können die Verkehrsplaner nicht das japanische Modell übernehmen und alle Autoampeln gleichzeitig auf rot schalten? Dann könnten die Fußgänger einfach kreuz und quer und ab durch die Mitte über die Kreuzung spazieren, das ginge doch viel schneller. Und lustiger sähe es auch aus. Aber gerade dieses Argument hat Hermann überhaupt nicht überzeugt, er weigert sich beharrlich, es auf seinen Verdsammlungen vorzutragen.  Seine Genossen würden ihn ja auslachen. Warum eigentlich halten die Deutschen so am rechten Winkel fest? Und sind Sicherheit und Ästhetik nicht gleichermaßen lebenswichtig?

Einen Moment hat sie geträumt, als sie sich nun mit der Kleinen im Schlepptau anschickt, die Ulmenau zu überqueren, springt die Fußgängerampel schon wieder auf rot. Wie oft hat sie hier gestanden und gewartet und zu den Hochaustürmen der Hamburger Straße hinübergestiert, derweil die Linienbusse von rechts und links vorbeifegten, und sich nach Hermann gesehnt. Irgendwo in dieer riesigen Büro- und Einkaufsburg verstaubt er in einem Kabuff in der Sozialbehörde und fühlt sich wichtig, weil er von dort aus auf ganz Hamburg herabblicken kann, und weil das Schicksal von Menschen in seiner Hand liegt, und weil er die Brötchen verdient. Wenngleich ihr Laden auch mehr ist als eine Beschäftigungstherapie oder ein Abschreibungsobjekt.

Immer wenn sie hier steht, unternimmt sie den Versuch, die Anzahl der Etagen bei einem der drei schwarzen Häuserungetüme zu zählen, aber solange dauert die Ampelphase nun doch nicht, jedesmal muß sie wieder von vorne mit ihrer Zählung beginnen.“

[…]

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