Unbenannt

 

Der Campingplatz bei Pelzerhaken an der Ostsee lag direkt am Strand, zwischen Platz und Strand nur ein schmaler Kiesweg. Keine Promenade also, eher ein Wanderweg. Ich habe der Herzdame die Kinder in die Hand gedrückt und bin diesen Wanderweg entlang gegangen. Ich fühle mich an neuen Orten immer erst wohl, wenn ich weiß, was man alles zu Fuß erreichen kann. Jedem seinen Spleen, ich weiß. Nach Norden hin ging es nach Rettin, hübsch am schnell steiler werdenden Ufer entlang. Heckenrosen, immer diese Heckernrosen am Ostseestrand, mit dem penetrant süßen Duft. Ein schwerer, lieblicher Geruch, die Hummeln auf den Blüten wirken nicht umsonst wie besoffen. Rechts also erst die Heckenrosen, dahinter die Ostsee. Links die Dauercamper mit den seltsam akkurat gestalteten Parzellen. Alles sehr sauber, ordentlich, gründlich gefegt, geputzt. Gartenzwerge, bunt bemalte Muscheln und hübsch geformte Steine. Gehäkelte Schutzdeckchen auf Gartenmöbeln. Vorzelte in Streifenmustern aus den Siebzigern, der Rasen gestylter als auf jedem Golfplatz. Bierbäuche bei den Herren und Dauerwellen bei den Damen. Freundliche Menschen, die Dauercamper, da gibt es nichts. Mit denen kann man über den Zaun nett ins Gespräch kommen. Wenn man zwischen ihnen zeltet, sind sie gastfreundlich und hilfsbereit. Auch wenn man das seltsam irritierende Gefühl nicht los wird, mit Menschen aus einer Gerhard-Polt-Szene zu reden.

Rechts also die Ostsee, links die Dauercamper. Vorne Rettin, das sah nicht aus, als sei da viel los. Was natürlich nicht gegen Rettin spricht, im Gegenteil, verschlafene Küstenorte können auch ihren Charme haben. Aber doch erst einmal umgedreht und die andere Richtung genommen. Links die Heckenrosen und die Ostsee, rechts die Dauercamper. Befremdlich für mich auch die Fahnenmasten vor den Wohnwagen, so etwas habe ich nie verstanden. Flaggen von Deutschland, vom HSV, von Bayern München, vom BVB, von Polen. Eine polnische Flagge zwischen drei deutschen, da werden Zeichen gesetzt. Es sind erstaunlich viele Polen auf den Campingplätzen, ich nehme an, sie arbeiten hier an der Küste. Ein Wohnwagen nach dem anderen auf dem Rasen, einer größer als der andere, immer noch einer und noch einer, Campingplätze können weitläufig sein. Limousinen mit Hamburger Kennzeichen, wenn man nachfragt, erfährt man, dass viele Camper aus Volksdorf kommen, aus den Walddörfern, aus Niendorf. Die haben alle ein Haus mit Garten in Hamburg und bauen hier eine Miniversion davon aus Plastik. Ich muss auch nicht alles verstehen, denke ich und gehe weiter.

Links also wieder die Ostsee, rechts immer weiter die Camper, dann plötzlich ein Schild am Weg: “Radfahrer bitte absteigen, Friedhof”. Mitten auf dem Wanderweg, direkt am Meer. Der Ehrenfriedhof für die etwa 7.000 Toten der Cap Arcona und der Thielbek. Das Unglück ist nicht sehr bekannt, die Sache mit der Wilhelm Gustloff scheint man in Deutschland viel eher zu kennen, vermutlich weil sich der Grass daran abgearbeitet hat, nein, weil es einen Film darüber gibt. Nicht einmal bei den Dauercampern, die ein paar Meter weiter grillen, kennt man die Geschichte der Cap Arcona oder auch nur das Ehrenmal. “Nee, da waren wir noch nicht. Wir gehen da gar nicht lang.” Die Radfahrer jedenfalls, die den Wanderweg entlangkommen, sie steigen tatsächlich ab, wie auf dem Schild verlangt, ich habe mir das eine Weile angesehen. Sie steigen ab und wenn sie zum ersten Mal da sind, dann bleiben sie vor den erklärenden Tafeln stehen und lesen erst einmal. Dass sie dabei den Helm abnehmen, es ist eine ganz, ganz feine Ironie der Geschichte.

Sie steigen ab, lesen die Gedenktafeln, drehen sich um und sehen auf das Meer. Irritiertes Kopschütteln, noch einmal nachlesen, was da auf den Tafeln steht, wieder auf das Meer sehen. Da ist so ein Guckrohr, man kann dadurch sehen, wo die Cap Arcona lag, als sie sank, das Schiff ist in den Blick gezeichnet. Überforderte Eltern stehen dabei, die nicht wissen, wie sie das, was da steht, ihren sechs-, acht- odder zehnjährigen Kindern erklären sollen. Kinder, die manchmal auch selber lesen und nichts begreifen. Kinder, die auf das Meer starren, wo die Schiffe damals untergingen. Entsetzte Nachfragen, tief durchatmende Eltern. Wie soll man das erklären, ich könnte es auch nicht. Ich verstehe die Eltern, die unsicher nach Worten und Sätzen suchen. 7.000 Menschen, KZ-Häftlinge fast alle. Auf dem Gedenkstein stehen die Nationen, aus denen sie kamen. Franzosen, Belgier, Litauer, Polen, Russen, Tschechen, die Liste ist lang, sie hört gar nicht auf. Auf den Gedenktafeln steht auch, die Schuldfrage sei ungeklärt. Nanu, denke ich. Über gewisse andere Vorkommnisse in Neustadt zu gleicher Zeit im Jahr 45 steht da nichts, im oben verlinkten Wikipedia-Eintrag findet man das im Abschnitt “Stutthoff-Häftlinge”. Vielleicht wird das in der Stadt in den Museen erläutert, ich weiß es nicht.

Das Meer funkelt natürlich blau wie im Bilderbuch, weiße Segel kreuzen alle paar Minuten die Stelle, an der die Schiffe sanken. Bis in die sechziger Jahre hinein fand man hier noch Menschenknochen am Strand, steht in der Wikipedia, das wusste ich bisher nicht. Die Radfahrer steigen am Ende des Ehrenmals, wo der Weg normal weiter geht, wieder auf ihre Räder. Auf dem Rückweg steigen sie hier dann wieder ab, ich finde das gut. Ich finde auch Stolpersteine gut, bei denen man sich runterbeugen muss, um sie zu lesen. Ich finde es gut, wenn die Gegend sich erklärt, ich finde es richtig, zu gedenken. Meine Großelterngeneration war an der Zeit, der hier gedacht wird, in der einen oder anderen Weise beteiligt. Das ist keine Geschichte des Mittelalters, das war gerade erst. Da kann man schon einmal absteigen.

Ich sage einem Dauercamper, ich sei bei dem Ehrenmal gewesen, er fragt, was das denn eigentlich sei. Ich schildere ihm, was man da sieht, worum es geht. “Ach”, sagt er, “Cap Arcona. Das Schiffsunglück. Aber das war ja nicht hier.” “Doch”, sage ich und zeige auf die Ostsee, “das war genau da.” “Ach?” sagt er und schüttelt den Kopf. Das wusste er nicht.

 

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