Man erzieht nicht, man lebt vor, das ist wohl Allgemeingut geworden. All die zahllosen pädagogischen Bemühungen sind sinnlos, am Ende machen Kinder die Eltern doch einfach nach. Dann hat man die Bescherung und sieht sich in einem seltsamen Zerrspiegel, wahr wie selten. Das kann fatal sein, es kann aber auch gutgehen. Manchmal steht man zerknirscht, manchmal freut man sich, es ist ein Spiel mit Höhepunkten und Niederlagen.

Man lebt auch dann vor, wenn man streitet, das scheint vielen Paaren gar nicht klar zu sein. Alle Paare streiten natürlich hin und wieder und jede Meinungsverschiedenheit zwischen den Eltern wird vom Nachwuchs genau beobachtet und ausgewertet. Wie klären die das? Welche Methoden wenden die an? Gibt es Kompromisse? Oder gewinnt nur einer? Wie schafft er das? Und was macht dann der Verlierer? Wie vertragen sich die beiden wieder? Man kann sich jahrelang mit seiner Frau herumstreiten, erst wenn man Kinder hat, wird es richtig spannend. Jeder Streit wird dann ein großer Auftritt. Und das Publikum sieht nicht nur zu, es fragt nach, es will genau verstehen. So wie Sohn I neulich, der gespannt einer fortgeschritten wilderen Diskussion zwischen der Herzdame und mir folgte, in der es um das sonntägliche Ausflugsprogramm ging: “Also wie jetzt, Moment! Erst will Papa nicht zum Schwimmen, jetzt will er aber doch? Wieso das denn?”

Und die Herzdame erklärte freundlich lächelnd: “Genau. Er will jetzt auch. Ich habe ihn überzeugt, dass es so richtig ist, wie ich es will. Also wie immer.” Das Kind sah die Herzdame an, sah mich an, dachte nach und sagte dann: “Ach was, du hast ihn doch gar nicht überzeugt. Er will überhaupt nicht zum Schwimmen. Ich glaube, Papa ist einfach nur ein Gentleman. Find ich gut.”

So ist das mit dem Streit in der Ehe. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Und manchmal kann man es gar nicht unterscheiden.

(Dieser Text erschien als Sonntags-Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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