Nachdem der Swing hier im Alltag immer prominenter wird, war ich jetzt auch auf einem Swing-Konzert, ich musste mir die Sache doch einmal näher ansehen. Auf einem Straßenfest in der Nähe spielten Bun-Jon & The Big Jive die Musik von damals, und wenn Sie die irgendwie live sehen können, dann gehen Sie da ruhig hin, die können wirklich was. Mir gefällt die Swingsache mittlerweile schon sehr. Die Musik ist anziehend, die Mode ist anziehend, die Stimmung ist anziehend. Vor der Bühne tanzte die Hamburger Swing-Szene im entsprechenden Outfit, wirbelnde Kleider, fliegende Röcke, Männer in Anzügen und mit Hüten. Doch, das macht alles schon Spaß, gar keine Frage. Jedenfalls als Zuschauer.

Unbenannt

Es war sehr voll, um die Tanzenden herum stand eine unübersehbare Menge an Zuschauern. Menschen dicht an dicht, wie es auf Straßenfesten an warmen Sommerabenden so ist, ein einziges Geschiebe und Gedrängel. Wild umherwuselnde Kinder, hektisch suchende Eltern, stoische Sicherheitskräfte mit hysterisch piependen Funkgeräten, schwankende Betrunkene und knutschende Verliebte. Menschen mit Bier in der Hand, Wurst in der Hand, Eis in der Hand. Neben mir stand eine kleine, alte Dame, die ihren Platz in der ersten Reihe vor den Tänzern resolut mit den Ellenbogen gegen herandrängende Passanten verteidigte. Nach näherem Hinsehen war es auch gerechtfertigt, sie als sehr kleine und sehr alte Dame zu bezeichnen. Sie sah die ganze Zeit gebannt auf die tnzenden Paare und ihre Füße machten in kleinen, sehr zierlichen Bewegungen die Grundschritte des Swings nach. Sie machte das mehrere Musikstücke lang und ich habe das, was sie da tänzelte,  genau verglichen mit dem, was die jungen Tänzerinnen und Tänzer einen Meter vor uns präsentierten und gesehen, dass sie es richtig machte. Ihre Füße schienen sich ganz gut zu erinnern, sie tanzte Swing. Eine sparsame, reduzierte Version, aber es war doch zu erkennen.

Sie zeigte auf eine Tänzerin, eine junge Frau in einem roten Kleid mit weißen Punkten und tippte mich dann an: “So ein Kleid! Wissen sie, genau so ein Kleid hatte ich auch. Da war ich, warten sie mal, da war ich, ach…  kann ja nicht wahr sein, da war ich zwanzig Jahre alt oder noch jünger. Ja, noch jünger! Das ist so lange her. Aber wirklich genau so ein Kleid, ich kann mich gar nicht sattsehen. Exakt wie das! Rot mit weißen Punkten.” Sie drehte eine kleine Pirouette, breitete die Arme aus und schwenkte ihre Handtasche. “Genau so ein Kleid!” Sie sah unentwegt auf die junge Frau, die da vor ihr tanzte, während sie beim Reden immer weiter wippte, im Rhythmus des Swings.

“Nur die Männer”, sagte sie dann, reckte den Hals, um alle Tanzenden noch einmal zu sehen und schüttelte den Kopf, “nur die Männer, die hatten damals doch deutlich mehr Kawumm.” Sie zeigte vage auf die Tanzfläche und winkte dann ab: ”Das ist da ja nichts. Nichts ist das. Na! Was soll man machen, nicht wahr? Das hier ist Norddeutschland und heute ist heute. So sieht es eben jetzt aus. Bedauerlich.” Sie schüttelte den Kopf und sah mich dann zum ersten Mal genauer an. “Sehr bedauerlich, wirklich. Tanzen sie überhaupt? Mit der Lebensfreude hat man es hier ja nicht so.”

Ich zeigte auf Sohn II. Der stand ganz vorne, direkt vor der Bühne, neben den fetten Lautsprechern. Er zeigte in einem etwas schrillen Solo-Auftritt einen ziemlich beeindruckenden Hüftschwung. Auf ihn hat Swing stets eine seltsam entfesselnde Wirkung. “Ich lasse tanzen”, sagte ich. Sie sah sich den ekstatischen Kleinen an und sagte zufrieden: “Das ist ihrer? Ja, aus dem wird was. Der liebt die Musik, das sieht man gleich.” Und mit einem letzten Blick auf mich: “Wenigstens einer in der Familie.”

Nun ja. So schwer sieht der Grundschritt eigentlich gar nicht aus. Aber das habe ich dann nur gedacht, nicht gesagt. Wer weiß, ob es wirklich stimmt. Man müsste es probieren.

Unbenannt

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