Neulich haben wir das Blumenmädchen wiedergesehen, das auf unserer Hochzeit damals in der Kirche vor uns hergelaufen ist und Blümchen gestreut hat. Ein überaus entzückendes kleines Mädchen war das, dessen Kleid farblich invers zum Hochzeitskleid der Herzdame genäht worden war, es ist heute noch eine Freude, die Bilder von damals anzusehen. Das Mädchen ist mittlerweile allerdings größer als wir. Da steht man dann natürlich etwas geschockt davor und rechnet heimlich an den Fingern nach, wie das  so schnell passieren konnte. Aber egal, so etwas hat man in Würde hinzunehmen, die Jahre vergehen eben, neun sind es tatsächlich schon.  Und sie vergingen nicht ungenutzt, immerhin haben wir in der Zeit, in der das Mädchen so unverschämt groß wurde, selbst potentielle Blumenkinder produziert.

Bislang gab es allerdings keine Hochzeit, auf der wir die Söhne als überniedliche Deko-Effekte hätten einsetzen können, sehr schade eigentlich. Die Heiratswiligkeit im Bekanntenkreis ist überhaupt beklagenswert schwach ausgeprägt, an unserem Vorbild wird es nicht liegen, wir sind immer noch sehr gerne verheiratet und verliebt wie in der siebten Woche. Oder war es der siebte Monat? Verliebt wie am ersten Tag kann ich jedenfalls nicht schreiben, am ersten Tag fanden wir uns bekanntlich eher doof. Nordostwestfalen und Hanseaten brauchen manchmal etwas länger, dafür haben die Beschlüsse dann auch Gültigkeit. Sohn I ist mittlerweile aber auch schon in einem Alter, in dem er zu einer Rolle als Blumenkind nicht mehr reflexmäßig ja sagt, sondern sich die Sache lieber aus sicherer Distanz ansieht. Blümchen, Braut, Hochzeit, Kirche, na, er weiß nicht recht. Das ist womöglich uncool? Eher nicht. Und das muss man natürlich respektieren. Er ist darüber hinaus.

Jetzt gibt es aber endlich ein befreundetes Brautpaar und es hatte den bemerkenswerten Mut, Sohn II zu bitten für sie Blümchen zu streuen. Das kann man eigentlich nur damit erklären, dass sie ihn nicht so oft sehen und daher nicht wissen, dass er jeden Auftrag – wirklich jeden – als robustes Mandat versteht, um seinen Charakter einmal sehr bündig und doch umfassend zu beschreiben. Er hat also selbstverständlich sofort zugesagt: “Ja, das mach ich alles.” Der Tag rückt näher, schon am Wochenende wird er bei der Feier zum Einsatz gebeten und ich habe ihm alles heute Morgen noch einmal genau erklärt. Die Sache darf schließlich nicht schief gehen, Hochzeitsszenen werden nicht drei-, viermal wiederholt bis alles sitzt, nein, das muss auf Anhieb klappen. Ich habe ihm alles en detail erläutert. Was eine Hochzeit ist, wie das geht, warum man das macht. Wie festlich das ist, wie wichtig das liebliche Blumenkind. Was für eine Ehre, was für ein Vertrauen, was für ein vorzeigbares Kind. Es ist nicht gerade einfach, Sohn II etwas zu erklären, da er ungern Wissenslücken zugibt und jede Erklärung mit einem betont herablassenden “Das weiß ich alles schon” beantwortet. Gerne ergänzt durch ein bestimmtes: “Das weiß ich schon sehr, sehr lange.” Wobei er einen mitleidig anguckt, weil er davon ausgeht, dass man als Trottel vom Dienst alles ihm so selbstverständliche Wissen gerade eben erst gegoogelt hat.

Er meint also bereits zu wissen, wie eine Hochzeit geht, und er weiß natürlich auch, was seine Rolle dabei ist. Ja, Papa, kannst aufhören, alles immer noch einmal zu erklären, wirklich wahr. Augenrollen in dramatischer Stummfilmmanier, die Mimik von Dreijährgen kann ganz erstaunlich bewegt und ausdrucksstark sein. Ich fragte das sichtlich genervte Kind also ein allerletztes Mal, ob er die Sache mit den Blümchen, die er da bei der Hochzeit aus einem Körbchen zu nehmen und dem Brautpaar in anmutiger Geste auf den Weg zu streuen hat, auch wirklich, wirklich begriffen habe? “Papa, ich weiß das doch alles! Ich nehm den Korb und werfe ihn. Du musst mir überhaupt nichts erklären. Geh raus.”

Wir sind gespannt.

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